LESETIPP: Die Welt erhören

Michael

Von Michael

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Die Corona-Krise lehrt, die Welt mit anderen Augen und aus anderen Perspektiven zu sehen. Auch Osman Engels, der junge Cellist und Protagonist in Katharina Mevissens Debütroman "Ich kann dich hören", beginnt die Welt anderes wahrzunehmen, nachdem er ein am Hamburger Bahnhof gefundenes Diktiergerät abhört. Das Fundstück macht ihn zum Ohrenzeugen der Beziehung zweier Schwestern, die nach Irland reisen, obwohl eine gehörlos ist und das gibt auch seinem Leben eine neue Wendung. Osman lebt in einer studentischen Wohngemeinschaft. Er bereitet sich auf eine Prüfung vor, ist aber frustriert von der Musik und flüchtet vor dem Vater, einem türkischstämmigen Profigeiger. Ein Unfall, ein Handgelenksbruch, des Vaters erschüttert die mühsam errichteten Fassaden dieses Migranten der zweiten Generation aber weiter, setzt Verdrängtes frei, macht Brüche sichtbar. In dieser Krise werden die Stimmen aus dem Off ein Halt, beflügeln Fantasien. In langen, aus der Ich-Perspektive, mit wechselnden Blickwinkeln und Akteuren erzählten Passagen webt die Autorin ein Patchwork, das um Beziehungen, Musik, Sprache, Klänge und Gebärden, gelingende und misslingende Kommunikation kreist und in einem Milieu spielt, das Trennungen von einheimisch und zugewandert verwischt.

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören. Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019. 163 Seiten, 19 Euro.