LESETIPP: Ein Buch wie ein Film

Hagen Späth, Redaktion Lahr

Von Hagen Späth & Redaktion Lahr

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Nach 25 Jahren Abwesenheit und einer Laufbahn an der Hochschule in der Stadt kehrt Ingwer Feddersen in sein nordfriesisches Heimatdorf Brinkebüll zurück. Er kehrt zurück zu seinen Großeltern, bei denen er aufgewachsen ist. Er kehrt zurück zu seinem Großvater Sönke, der im alten Dorfgasthaus mit über 90 Jahren die Stellung hält, und zu seiner Großmutter Ella, die langsam in die Altersdemenz abdriftet. Dörte Hansen verknüpft die geographische Rückkehr des Protagonisten mit einer historischen Rückschau in die Zeit der 1960er- und 1970er-Jahre, als die Flurbereinigung und eine neue Straße das Leben nachhaltig veränderten, die Bauernhöfe betonierte Höfe bekamen und ein Kuhstall nach dem anderen aufgegeben wurde – kurz, den Verlust der bäuerlichen Welt. So entwickelt die Autorin nicht nur die Geschichte der Familie und des Dorfes, sondern beispielhaft auch das, was in jener Zeit mit vielen Dörfern in ganz Deutschland geschehen ist. Das alles passiert mehr im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die knorrigen Charaktere, wie sie ihr Leben meistern - oder auch nicht. Und eine wunderbare Szene reiht sich an die andere. Das Buch ist wie ein Film. Als Leser schadet es allerdings nicht, wenn man eine Schwäche für Deftiges und Skurriles besitzt.

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin-Verlag, München 2018, 319 Seiten, 22 Euro.