LESETIPP: Eine Lektüre, die nachhallt

Axel Kremp, Bad Säckingen

Von Axel Kremp & Bad Säckingen

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Die südeuropäischen Länder werden zur Wüste. Ein Franzose sucht mit seinem Sohn Zuflucht in einem überfüllten Flüchtlingscamp, Essen und vor allem sauberes Trinkwasser sind Glückssache. Nein, nicht in Syrien, sondern mitten in Europa, in Frankreich. Die Flüchtlinge sind keine Syrer oder Afrikaner, sondern Europäer. Aber die Bilder sind erschreckend ähnlich. Das Ziel der Hoffnung ist nicht wirtschaftliche Sicherheit, sondern Wasser. Alle wollen in die Wasserländer, nach Norden. Aber Schweden hat die Grenzen dicht gemacht, das Land verkraftet keine weiteren Flüchtlinge. Maja Lunde verlegt dieses Europa ins Jahr 2041, eine fiktive Zukunft in realistischer Nähe. Der zweite Erzählstrang spielt in der Gegenwart, im Jahre 2017. Eine gealterte Umweltaktivistin aus Norwegen segelt mit einem kleinen Boot nach Südfrankreich, beladen mit Kisten voller Eis eines Gletschers, den sie retten will. Sie ahnt nicht, dass ihr Boot 20 Jahre später trocken liegt und zu einem Zufluchtsort für einen Wasserflüchtling und seinen Sohn wird.
Die norwegische Umweltaktivistin wirkt wie eine gealterte Ausgabe der Fridays-for-Future Generation. Trotzdem erhebt Maja Lunde nicht verbissen den moralischen Zeigefinger. Die Autorin aus Oslo hat in ihrem ersten Buch " Die Geschichte der Bienen" aus dem Umweltproblem des Bienensterbens einen fesselnden Bestseller gewoben. In der "Geschichte des Wassers" zeigt sie erneut, spannend verpackt in zwei sich kreuzende Lebensgeschichten, mögliche Folgen des Klimawandels und eines egoistischen Umgangs mit Wasser. Der Roman liest sich flüssig, es gibt fantasievolle Details, zwei zarte Liebesgeschichten, deutliche Charaktere, eindrückliche Landschaftsbeschreibungen und ein überraschendes Ende. Ein Buch, das uns vor Augen führt, wie wertvoll die für uns (noch) so selbstverständlich verfügbare Ressource Wasser ist; eine Lektüre, die nachhallt.

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Roman. btb-Verlag ; 480 Seiten; 20 Euro