LESETIPP: Reifende Erinnerungen

Frank Schoch

Von Frank Schoch

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Im Nachhinein ist man schlauer. Ach ja? Wer sich gemeinsam mit Jules, dem ich-erzählenden Protagonisten von Benedict Wells’ Bestseller auf den Weg begibt, dem kommen daran Zweifel. Denn in seinen episodenhaft erzählten Rückblicken verschieben sich nicht nur die Erinnerungen. Sie entstehen teilweise ganz neu, manchmal ganz langsam, "wie ein Foto, das noch im Entwicklungsbad lag". Und so lässt Jules sein Leben retrospektiv an sich vorbeiziehen, dabei nie ganz sicher, was wirklich war und was nicht. Dabei ist die eingängliche, lebensnahe Erzählart, die der 36-jährige Träger des Literaturpreises der Europäischen Union wählt, passend zum Protagonisten wie auch zu seinem Leben. Denn Jules Themen sind gewöhnlich – sei es die Frage von Abschied, von Umgang mit Verlust, sei es die Auseindersetzung mit und das Loslassen der Eltern und natürlich die Liebe, die Suche nach dem Seelenverwandten. Aber eben dadurch findet der Leser immer wieder Anknüpfungspunkte, werden Erinnerungen geweckt aus dem eigenen Leben, die auf einmal anders erscheinen als ehedem. Im Nachhinein ist man also schlauer? Vielleicht manchmal. Oft ist es im Rückblick einfach alles anders, verschoben. Fast so, als würde man das Leben ein zweites Mal leben. Bis die Erinnerung ein weiteres Mal eine Wendung nimmt.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. Diogenes, Zürich 2016, 368 Seiten, 13 Euro