LESETIPP: Springer der Welten

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Haruki Murakami beschreibt die zutiefst reale Liebe zweier Personen in einer zutiefst surrealen Welt. In der kleine Menschen, die "Little People", nachts aus Schafsmäulern kriechen, um eine "Puppe aus Luft" zu spinnen, in der ein Sektenführer Kinder als Gebärmaschinen einsetzt und in der es zwei Monde gibt. "1q84" ist eine Welt, in der Tengo und Aomame unabhängig voneinander gelandet sind. Beide teilen mehr als die Sehnsucht nach einander, nach einer Berührung, die 20 Jahre her ist. Sie teilen ein Geheimnis, das sie wieder zusammenführen soll. Aomame, die Fitnesstrainerin, tötet in ihrer Freizeit gewalttätige Männer. Tengo, der Mathematiklehrer, schreibt einen Roman für ein 17-jähriges Mädchen, dem es gelungen ist, sich aus den Fängen einer Sekte zu befreien. Beide Leben sind eng miteinander verbunden. Aber Haruki Murakami lässt sich Zeit, ihre Geschichten zu erzählen. Zugegeben, 1600 Seiten flößen Respekt ein. Murakami hastet aber nicht, trotzdem gelingt es ihm, keine Längen entstehen zu lassen und die Spannung zu halten. Die Übergänge zwischen Krimi und Liebesgeschichte, zwischen realer Welt und Fiktion sind Murakami-typisch fließend. Und am Ende wünscht man sich, er hätte sich noch mehr Zeit gelassen.

Haruki Murakami: 1q84. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, btb-Verlag,1600 Seiten; 29 Euro
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