LESETIPP: Turbulenzen der Pubertät

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Abschreckender kann ein Buch kaum aussehen: Güldene Buchstaben auf Pastellgelb mit Wiesengräsern und Schmetterlingen. Und dann heißt der Roman auch noch "Sweet sorrow - weil die erste Liebe unvergesslich ist". Doch geschrieben hat ihn nicht Rosamunde Pilcher, sondern der Brite David Nicholls. Beinahe wäre eine wunderbare Geschichte unentdeckt geblieben. Mitte der 90er Jahre: Der 16-jährige Charlie ist drauf und dran, in den Wirren von Pubertät und verkorkster Familie unterzugehen, als er die gleichaltrige und quirlige Fran trifft, die mit einer Laienschauspielgruppe "Romeo und Julia" einstudiert. Theaterpädagogik war für Prolet Charlie bis dahin bestenfalls ein Grund zum Lästern. Doch ein Date mit Fran gibt’s nur, wenn er mitmacht. Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden vom 20 Jahre älteren Charlie kurz vor seiner Hochzeit. Er erinnert sich an einen Sommer, der ihn und sein Leben veränderte. Leichtfüßig und lustig, lakonisch und melancholisch schildert Nicholls die Turbulenzen
des Erwachsenwerdens. Ihm gelingen Sätze und Dialoge, die man sich mer-ken möchte, um damit bei Gelegen-
heit zu brillieren. Ganz nebenbei und doch mittendrin geht es um soziale Chancenungleichheit, gesellschaft-liche Vorurteile, persönliche Verantwortung. Der Leser bibbert dem Ende entgegen: "Mit einer Banalität, die niemand je in einem Drama verewigen würde, gingen wir auseinander." Kaum zu glauben, dass das fesseln kann.

David Nicholls: Sweet Sorrow. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Ullstein Verlag, Berlin 2019. 512 Seiten,

22 Euro
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