Licht kommt in die Finsternis

Christoph Arens

Von Christoph Arens (KNA)

Di, 22. Dezember 2020

Panorama

Nicht zufällig liegt Weihnachten in der dunkelsten Zeit des Jahres / Seit jeher versucht der Mensch, der Nacht das Grauen zu nehmen.

"Stille Nacht, heilige Nacht" – Weihnachten lässt sich kaum denken ohne den Kontrast von dunkler Nacht und dem Leuchten von Kerzen und Sternen. Dabei steckt im Wort "Weihnachten" kein direkter Hinweis auf den religiösen Ursprung des Festes. "Geweihte Nacht/Heilige Nacht" ist viel allgemeiner als das englische "Christmas" oder die romanischen Weihnachtswörter "noel" (Frankreich) oder "navidad" (Spanien), die direkt auf die Geburt Jesu hinweisen.

Dafür lässt der Begriff "Weihnacht", der erstmals um 1170 in der deutschen Sprache erscheint, viel Platz für Interpretationen: Seit jeher versuchen Menschen, das Dunkel der Nacht durch Mythen und Geschichten zu deuten und zu zähmen. Die Nacht ist die dunkle Schwester des Tages, geheimnisvoll und mächtig. Sie kann das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorbringen. Sie kann von den Zwängen des Tages befreien. Die Vorstellungskraft wächst. In der Nacht reifen Entscheidungen, wenn man über Probleme noch einmal schlafen kann. Die Nacht als Grenzerfahrung: Wenn es dunkel wird, überkommt die Menschen seit je ein Unbehagen. Geister und Teufel haben laut Volksglauben zwischen Mitternacht und Morgengrauen besondere Macht. Oft sind es die inneren Dämonen, die im Dunkeln Angst machen – kleine Probleme bauschen sich zu Monstern auf.

Auch in der Bibel und in der christlichen Tradition spielt die Nacht eine besondere Rolle. Gott offenbart sich immer wieder in Dunkel und Chaos. Er kann die Finsternis erleuchten. Besonders in der Dunkelheit ist der Mensch empfänglich für die Stimme Gottes und die Bedeutung des Lichts. Schon am ersten Tag der Schöpfung schuf Gott laut Bibel das Licht und trennte den Tag von der Nacht. Beim Kreuzestod Jesu verfinstert sich der Himmel. In der Osternacht wird Auferstehung gefeiert. "Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages," lautet ein alter Osterhymnus. Darin wird Christus besungen als Licht, das in der tiefsten Finsternis aufscheint und neue Hoffnung verheißt. Auch die zunehmende Zahl der leuchtenden Kerzen am Adventskranz verkündet, dass das Licht in die Finsternis kommt, wie es im Johannes-Evangelium heißt.

Nicht zufällig wird das Weihnachtsfest in der dunkelsten Zeit des Jahres gefeiert: An den dunklen Wintertagen erwartet man sehnsüchtig die heller werdenden Tage. Eigentlich gibt es in der Bibel keinen konkreten Hinweis auf den Termin der Geburt Jesu. Doch manche Theologen vermuten, dass Papst Liberius im Jahr 354 den 25. Dezember als Weihnachtstermin festlegte, um den spätrömischen Kult des Sonnengottes "Sol invictus" (der unbesiegbaren Sonne) neu zu interpretieren. Jesus sollte als neue Sonne, Morgenstern und Licht in der Nacht gefeiert werden. Andere meinen, dass das christliche Fest zuerst da war.