Erst mitmachen, dann mitessen

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Sa, 01. Juni 2019

Liebe & Familie

Gesunde Lebensmittel, Tischsitten und Nachhaltigkeit – wie Kita-Kinder spielend Ernährung lernen /.

Nicht zu fassen, was man alles können muss, um ein Brot zu backen! Allein schon die Tüte mit der Hefe zu öffnen! Olivia nimmt eine Schere zu Hilfe. Aber wie muss sie sie halten, damit der Beutel oben nicht immer umknickt? Geduldig erklärt Erzieherin Alketa Alvarez der Vierjährigen, wie es geht. Die gleichaltrige Leila kippt unterdessen vorsichtig Wasser aus einer großen Schüssel in ein Schälchen, in dem die Hefe aufgelöst wird. Carlo, 2, schneidet derweil mit dem Messer ein Päckchen Sauerteig auf.

Es ist Montagmorgen und der wöchentliche Brotbacktag in der Ernährungswerkstatt der Freiburger Kita Tausendfühler. Rund 100 Kinder von ein bis sechs Jahren leben und lernen in der ganztags geöffneten städtischen Einrichtung. Die Ernährungswerkstatt ist nur eines von vielen Angeboten, das den Kindern Gelegenheit bietet, sich in dem zu üben, was der baden-württembergische Orientierungsplan – eine Art Bildungsplan für die Kitas – als "Bildungs- und Entwicklungsfelder" definiert: Körper, Sinne, Sprache, Denken, Gefühl, Werte... Denn "Essen ist nicht nur Versorgung des Körpers mit Nährstoffen, sondern auch Ritual, Gemeinschaft, Kultur, Genuss", sagt Christa Zink, die das Freiburger Amt für die zirka 20 städtischen Kitas leitet. "Bei allen hat das Thema einen hohen Stellenwert." Auch bei den freien Trägern, die einen Großteil der insgesamt 230 Kitas in Freiburg betreiben: Ein "ausgeprägtes Bewusstsein für eine gesunde Ernährung in allen Einrichtungen" förderte eine Befragung im vergangenen Jahr zutage. Wie dieses jeweils im pädagogischen Alltag verankert wird, hängt laut Christa Zink "stark von den Rahmenbedingungen ab".

Nicht jede Kita hat einen Garten, eine Kinderküche oder eine Erzieherin wie Alketa Alvarez. Als Kind hat sie viel Zeit bei ihrer Oma in Albanien verbracht. "Dort waren wir es gewohnt, unser Essen selbst herzustellen. Nicht nur, weil es gesund ist." Und die Oma hat die Enkelin bei allem mitmachen lassen. Das prägt. Deshalb geht es in der Ernährungswerkstatt der Kita Tausendfühler jetzt ein bisschen zu wie bei Alvarez’ Oma: Aus den großen Säcken mit Dinkel- und Roggenvollkornmehl wiegt die fast sechsjährige Johanna 600 Gramm ab. Sie kommt demnächst in die Schule und kennt sich schon ein bisschen aus mit Zahlen. Auch mit Buchstaben: Deshalb merkt sie schnell, dass das Glas, dessen Beschriftung mit "L" anfängt, nicht das mit den Sonnenblumenkernen sein kann, die sie holen soll.

Als alle Zutaten in der großen Schüssel beisammen sind, rührt Heinrich (3) sie mit einem Kochlöffel zusammen. Er arbeitet mit vollem Körpereinsatz, so dass eine Ladung Mehl daneben geht. Zwei Mädchen müssen die Schüssel festhalten. Mit Wonne lassen sie anschließend den klebrigen Teig durch die Finger gleiten. "Es kommt weniger auf die Ordnung an. Es geht um den Prozess", erklärt die Erzieherin, die als 18-Jährige nach Deutschland kam. Wobei: Aufräumen muss sein. In Nullkommanix haben die Kinder die Tische abgewischt und zusammengefegt, was auf dem Boden gelandet ist.

Tischsitten und Benimmregeln lernen die Kinder wie nebenbei. "Isst du das alles?", wird einer gefragt, der sich aus Haferkörnern mit einer Maschine gerade selbst Haferflocken gemacht hat, die er mit Milch und Honig mischt. Eine ziemliche große Portion für einen kleinen Menschen wie ihn. Nebenan ist noch das Frühstücksbuffet aufgebaut mit allerhand Körnern, Nüssen, Obst. Je nach Hunger und persönlichen Vorlieben können die Kinder selbst ihr Frühstück zusammenstellen und dies und jenes probieren.

"Es wird ihnen nichts vorgesetzt", freut sich Elternbeiratsvorsitzende Carina Petruch. "Das fördert die Neugierde und die Lust, etwas zu probieren." Ihr dreijähriger Sohn Pablo, zum Beispiel, habe zuhause nie Kohlrabi gegessen. In der Kita hat er eine Beziehung zu der Knolle entwickelt. Ebenso zu Feuerbohnen oder Kresse, denen er – auch zuhause – beim Wachsen zusieht. Begeistert erzählen die kleinen Forscher von einem Besuch in der vom BUND getragenen Ökostation, wo sie Brötchen gebacken und mit selbst gemachter Kräuterbutter bestrichen haben. Sogar die Butter war selbst gemacht. Wie? Die Kinder schütteln sich beim Erzählen wie die Sahne im Glas, die auf diese Weise zu Butter wurde. "Unsere Kinder tragen was in die Familien hinein", stellt die Elternvertreterin fest. Heimisches Obst und Gemüse gemeinsam auf dem Markt einkaufen, ohne Fleisch und Wurst auskommen und ab September – was Kitaleiter Peter Zürn und sein Team anstreben – möglichst auch ohne Plastikverpackungen: Was Hänschen schon lernt, färbt vielleicht auf Hans ab. "Gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, in denen womöglich weniger auf eine ausgewogene Ernährung geachtet wird, können von der Kita profitieren."

Claudia Frey, Leiterin der städtischen Kita Rieselfeld, will Eltern gegenüber aber "auf gar keinen Fall" mit erhobenem Zeigefinger auftreten. Die Hälfte ihrer "Kundschaft" bringt eine Zuwanderungsgeschichte aus 20 unterschiedlichen Herkunftsländern mit. Auch die finanziellen Voraussetzungen in den Familien seien sehr unterschiedlich. Niemand solle bloßgestellt werden, wenn das Verständnis für eine bewusste Ernährung weniger ausgeprägt ist. Allenfalls im Einzelgespräch mit den Eltern wird geklärt, dass keine Süßigkeiten oder Chips mitgegeben werden. Gleichzeitig werden sie eingeladen, zu zeigen, wie sie ihr Brot backen oder wie im Iran Reis zubereitet wird. Und zu probieren, wenn die Kinder Rohkostteller zubereiten, Beeren und Äpfel im Garten ernten oder kleine Osterhasen backen. Am besten klappt das mit der "wilden Küche", wenn sich – etwa vor St. Martin – alle um die Feuerstelle im Garten versammeln, Maroni, Kartoffeln und Stockbrot garen, zusammen singen und feiern.

Während in der Kita Tausendfühler der Brotteig "gehen" muss, holen die Kinder Berge von Obst und Gemüse und machen sich ans Schnippeln für eine Zwischenmahlzeit. Unfallfrei hantieren sie mit Messern und Schneidebrettern. Die zweijährige Martha schält schon die dritte Orange. Der vierjährige Ali schnippelt konzentriert Karotten. Bevor es los ging, haben die Kinder benannt, was sie in die Hand nehmen: Kiwi, Kohlrabi, Gurken... "Ich auch Banane", sagt Helin. Die zweijährige Kurdin verstand kein Wort Deutsch, als sie vor vier Wochen zum ersten Mal in die Kita kam.