Über das Verliebtsein

Wie es ist, wenn die Liebe anfängt: Die Geschichte eine Paars

Magali Rafflenbeul

Von Magali Rafflenbeul

So, 14. Juni 2020 um 15:36 Uhr

Liebe & Familie

Die Brasilianerin Marina Abraõ und der Franzose Julien Lecot haben sich während einem Erasmus-Aufenthalt in Portugal kennengelernt – und sich dort verliebt. Das änderte ihr ganzes Leben.

Zum ersten Mal haben sich Julien Lecot und Marina Abraõ am 2. September 2017 gesehen. Er ist Franzose, sie Brasilianerin. Beide sind gerade in Portugal angekommen, für ein Erasmus-Jahr. Keiner von beiden hätten je gedacht, dass sie sich dort verlieben würden. Und erst recht nicht in einander. Drei Jahre später erzählen sie, wie diese Begegnung ihr Leben verändert hat.

"Wir haben uns gleich am ersten Abend kennen gelernt und zum ersten Mal geküsst", erinnert sich Julien Lecot lachend. Gerade ist er eingereist, er bezieht seine neue WG, die er im Internet gefunden hat. 16 andere Erasmus-Studenten leben hier, darunter auch Marina. Der Besitzer der Wohnung hatte einer Mitbewohnerin den Auftrag gegeben, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern, damit sie keinen Blödsinn machen. Diese konnte an diesem Abend aber nicht, deshalb bat er Marina, für sie einzuspringen.
Projekt "Anfang"
Jeder Krise geht einmal zu Ende – und ein Neuanfang ist möglich. Nicht nur, aber auch von der anhaltenden Situation des Wartens und der vorsichtigen Rückkehr zur Normalität ist das diesjährige BZ-Magazin der deutsch-französischen Journalistik-Studierenden am Frankreichzentrum der Universität Freiburg inspiriert. In zwölf Beiträgen fragen sie nach dem Anfang: des Lebens, der Liebe und der Welt; einer anderen Identität als Drag Queen und einer Existenz in Freiheit nach langer Haft; des Waldes nach der Dürre, des individuellen Lebens nach Corona und des allgemeinen Lebens der von der Epidemie besonders betroffenen Clubs. Auch Romane beginnen immer wieder neu.

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Erst gehen die beiden in eine Bar, später in einen Klub. Dann der Kuss. " Als wir zuhause angekommen sind, hat er mich einfach gefragt, ob er er in meinem Zimmer schlafen kann. Ich habe ja gesagt, und so hat das alles angefangen", erzählt Marina. Wie Oliver Heil, Freiburger Diplom-Psychologe mit einer eigenen Praxis für Liebe und Beziehungen, erklärt, ist Verliebtheit sehr abhängig vom Kontext. "Deshalb sagt man ja auch: Gelegenheit macht Liebe." Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich in jemanden verliebt, den man täglich sieht, einen Kollegen, Freund, Mitbewohner, sei relativ hoch.

"Schließlich haben wir die vier Monate des Erasmus-Programms gemeinsam verbracht. Wir haben zusammen gewohnt, also konnten wir uns immer sehen." Verliebtheit, erläutert Oliver Heil, ist eine extreme Fixierung auf eine bestimmte Person. Man fängt an, ständig an diesen Menschen zu denken, Fantasien zu entwickeln. Man will mit ihm und nur mit ihm alles gemeinsam machen. Klassische Symptome sind das Abschalten unserer Kritikfähigkeit, ein positiveres Lebensgefühl und ein geringeres Schlafbedürfnis. Auch in unserem Körper passiert viel. Ein ganzer Cocktail von Hormonen wird freigesetzt, er besteht aus Beta-Endorphinen, Serotonin – auch Glückshormon genannt – und einer ganzen Menge Sexhormonen. "Diese starke Mischung verändert die Persönlichkeit. Das ist so, als ob Sie jemandem Kokain oder eine andere Droge verabreichen", erklärt Heil.

"Wir wollten uns natürlich wiedersehen", Julien Lecot
Schnell kam bei den beiden Verliebten die Frage auf, ob sie ihre Beziehung nach der intensiven ersten gemeinsamen Zeit weiterführen. "Wir wollten uns natürlich wiedersehen", sagt Julien. Wie der Psychologe erklärt, gibt es in Beziehungen verschiedene Phasen. Die erste ist die Verliebtheit. Danach folgt die Phase, in der man aufhört, den anderen zu idealisieren, man erkennt dessen Ecken und Kanten. Ist das Gefühl der Verliebtheit noch stark genug, kann man über diese "Mängel" hinwegsehen. Die dritte Phase setzt ein, wenn eine Entscheidung getroffen wird. Wenn man sicher ist, dass man mit der anderen Person auf Dauer zusammen sein will.

Julien traf die Entscheidung, einen Flug nach Brasilien zu buchen. Marina war sehr überrascht. "Ich habe mir gedacht: Der ist total verrückt! Als er mir gesagt hat, ich komme nach Brasilien, habe ich ihm gesagt: Aber ich werde nie für dich nach Frankreich kommen." Julien kam im Januar 2018 in Brasilien an. Er konnte kein Portugiesisch, er kannte niemanden und musste sich vollkommen auf Marina verlassen. "Ich kann mich erinnern, dass ich, bevor ich nach Brasilien gereist bin, ziemliche Angst hatte. Ich habe mich gefragt, ob ich nicht einen Fehler mache, ob es mir dort gefallen wird oder ob ich nach zwei Wochen wieder nach Hause will." Nach einer Woche fand er eine Arbeit als Französisch-Lehrer. Rückblickend hat Julien die Zeit in Brasilien sehr geholfen, sich selbst zu finden. "Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht nach Brasilien geflogen wäre. Ich war nach dem Erasmus-Aufenthalt in Portugal und dem Ende meines Studiums total verloren.

Aus Verliebtheit wurde Liebe

Die Zeit in Brasilien miteinander hat die beiden noch enger zusammen geschweißt. Aus Verliebtheit wurde Liebe. Wie Marina erklärt, war sie früher eher oberflächlich, was Beziehungen angeht. Mit Julien zusammen zu sein hat ihre Sicht der Liebe total verändert. "Heute glaube ich: Jemanden zu lieben, bedeutet, immer mit dieser Person zusammen sein zu wollen, wie du es vielleicht auch bei deiner Familie oder engen Freunden fühlst. Für mich ist es dieselbe Art von Liebe." Nach neun Monaten in der Heimat von Marina hatte Julien Portugiesisch gelernt und seine Sicht auf die Realität verändert. Er kehrte nach Frankreich zurück, um einen Master in Journalismus anzufangen. Denn während seines Aufenthalts in Südamerika sei ihm wirklich bewusst geworden, was er später mit seinem Leben machen möchte.

Heute lebt Marina mit Julien in Frankreich. Sie hat Französisch gelernt. Niemals hätte sie gedacht, sich einmal in einen Franzosen zu verlieben. "Es ist vielleicht ein Aspekt dieser Liebe, dass man bereit ist, Opfer zu bringen; dass man sich dafür entscheidet zu sagen, ich gebe meine Heimat auf und gehe in ein fremdes Land. Liebe oder Verliebtheit sind Gefühlszustände, in denen man bereit ist, sehr viel zu riskieren", weiß Oliver Heil aus seiner Erfahrung als Beziehungsexperte. Sowohl Julien als auch Marina haben die Sprache des anderen gelernt und eine Zeit lang alles andere beiseitegeschoben, um zusammen zu sein. Noch heute finden beide es verrückt, aber sie können sich es nicht mehr anders vorstellen. "Es ist irgendwie lustig: Als ich in Portugal angekommen bin, hätte ich mir nicht träumen lassen, das alles zu machen ", gibt Julien im Nachhinein zu.

"Wir sollten mehr Mut haben, uns zu verlieben. Sich zu verlieben, ist das beste Antidepressivum." Oliver Heil
Sich zu verlieben, macht Geschichten wie die von Julien und Marina möglich. War es Zufall oder sollte es so sein? Manche Fragen können nie beantwortet werden, meint Oliver Heil. Er frage sich, wieso das Gefühl der Verliebtheit in unserer Kultur nicht viel mehr kultiviert wird, warum wir es nicht trainieren. "Wir sollten mehr Mut haben, uns zu verlieben. Sich zu verlieben, ist das beste Antidepressivum". Und das Schöne daran: Es kann passieren. Egal wie jung oder alt man ist. Wenn man es sich selbst erlaubt.