Kindersoldaten in Flip-Flops

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Fr, 21. März 2014

Literatur

Der in Staufen aufgewachsene Journalist Adrian Geiges hat ein Buch über seine neue Heimat Brasilien geschrieben.

Was macht man, wenn der Nachbar ein gefährlicher Drogengangster gewesen ist? Einer, der als Jugendlicher mit einer Pistole Walter P38 und einer Uzi durch das Armenviertel gestreift ist. Ein Kindersoldat in Flip-Flops, der heute ein repräsentatives Haus besitzt. Wie verhält man sich da? Man klingelt und bittet zum Gespräch. Das hat Adrian Geiges (Jahrgang 1960), in Staufen aufgewachsener Journalist, in seiner neuen Heimat Brasilien gemacht. Die Sicht von der Dachterrasse seines Nachbarn Sandro ist spektakulär – der Zuckerhut ist zum Greifen nah, der Atlantik blau und der Regenwald in der Ferne strahlt in hellem Grün. Dann lässt sich Geiges erzählen, wie das damals war, als der Drogenboss Boreizinho, der für Sandro wie ein Vater war, von einer anderen Gang ermordet wurde. Wie es war, als der Krieg tobte, als rauschende Drogenpartys gefeiert wurden und wie der Spuk zu Ende ging, als die Sonderpolizei Bope vor einigen Jahren die Favela befriedet hat. "Gott sei dank, es gibt nur noch Freude und Ruhe", sagt Sandro heute.

Geiges lauscht, Geiges ist neugierig, Geiges notiert. Vor einem Jahr ist er in die Favela Tavares Bastos in Rio gezogen, zuvor war er Korrespondent in China und in Russland. Herausgekommen ist ein Buch mit Reportagen. Manchmal etwas selbstverliebt im Duktus, ab und an ein wenig holprig in der Sprache, ist "Brasilien brennt" eine äußerst spannende Lektüre über ein Land, in dem es brodelt, in dem Aufbruchstimmung herrscht, und in dem in wenigen Monaten die ganze Fußballwelt zu Gast sein wird. Geiges kommt denen, über die er schreibt, sehr nahe. Er spricht mit Entwicklungshelfern und mit anderen Ex-Gangstern wie Dudu und Max, besucht deutsche Architekten, die im Urwald ein umstrittenes Fußballstadion bauen, schaut sich nach dem viel besungenen "Girl from Ipanema" um und trifft einen Aktivisten der indigenen Bewegung, den sein Vater damals Hitler Marubo genannt hat – weil er dachte, der Name "Hitler" stünde für den eines geborenen Führers.

Es ist eine recht kurzweilige Reise durch den brasilianischen Alltag und die Politik. Geiges erzählt, aus welchen Verhältnissen der charismatische Präsident Lula und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff kommen und warum die Arbeiter im Volkswagenwerk in São Paulo in den Streik treten. Interessant sind auch die Exkurse in die Pop- und Alltagskultur der Brasilianer. Die Telenovela "Salve Jorge" erzielt Einschaltquoten, die höher sind als bei jedem Fußballspiel. Es geht um Herz und Schmerz im Elendsquartier, und auch die wachsende Mittelschicht schaut zu. In Geiges’ sonst so lauter, quirliger Favela herrscht bei "Salva Jorge" Friedhofsruhe, weil alle gebannt vor dem Fernseher sitzen. Und auch in den anderen, nicht befriedeten Favelas. Bevor dort dann wieder die Schüsse fallen.
– Adrian Geiges: Brasilien brennt. Bastei Lübbe 2014. 296 Seiten, 19,99 Euro. Der Autor liest am Mittwoch, 26. März, um 18 Uhr im Historischen Kaufhaus, Freiburg.