Der Chronist Siziliens

Martin Halter

Von Martin Halter

Do, 18. Juli 2019

Literatur & Vorträge

Andrea Camilleri, Schöpfer des Commissario Mantalbano, ist tot.

Andrea Camilleri war ein Mann mit vielen Talenten. Er brachte als Theaterregisseur Autoren wie Strindberg und Beckett nach Italien, er war Fernsehproduzent für die RAI und unterrichtete Generationen von Film- und Theaterhochschülern. Daneben schrieb er gut hundert Bücher, die allein in Italien 20 Millionen Mal verkauft wurden. Sie tragen sprechende Titel wie "Der Hahn im Korb", "Das Paradies der kleinen Sünder", "Der Dieb der süßen Dinge" und sind Komödien, Biografien und historische Romane über Sizilien und seine Menschen.

Die Figur, mit der Camilleri mit 70 seinen späten Durchbruch schaffte, ist der vielleicht bekannteste sizilianische Volksheld geworden: Commissario Montalbano (benannt nach Camilleris Freund, dem spanischen Krimiautor Manuel Vázquez Montalbán) aus der Hafenstadt Vigata, in der man unschwer Camilleris Heimatort Porto Empedocle erkennen kann.

27 Montalbano-Krimis schrieb Camillieri; fast alle sind ins Deutsche übersetzt und mit Luca Zingaretti in der Hauptrolle verfilmt worden. Es sind keine Meisterwerke des Genres; an seine Vorbilder Simenon und Leonardo Sciascia reichte Camilleri nicht heran. Sein Commissario gebärdet sich manchmal wie ein sbirro nato (geborener Bulle), den das süße Futter und die vielen Kühe träge gemacht haben. Montalbano ist ein eigensinniger Einzelgänger und launischer Macho, der seine Dauerverlobte Livia auf Distanz hält; ein Bulle, der kein Blut sehen kann, kleine Sünder gern laufen lässt, und vor allem: ein Gourmet, der ständig kocht, isst und tratscht. Die Fälle sind eher nachlässig konstruiert und werden beiläufig, durch Erleuchtungen und Zufälle gelöst. Camilleri war als Milieuschilderer und Chronist stärker denn als Erzähler.

Wie seine Figur wurde auch der Autor im Alter immer grimmiger. Vom Kampf gegen den Faschismus geprägt, Kommunist und streitbar von Jugend auf, fühlte sich der alte Linke fremd in der Gegenwart. Er legte sich mit der Mafia, der Kirche, dem Politclown Berlusconi an; wenn er Innenminister Salvini seinen Rosenkranz küssen sehe, polterte er kürzlich, könne er nur noch kotzen. Jetzt ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben. Montalbano nimmt er mit ins Grab: Das Manuskript, in dem er seinen Commissario sterben lässt, liegt seit Jahren fertig in der Schublade.