LESETIPP: Ein Blick in den Abgrund

Andreas Strepenick,

Von Andreas Strepenick &

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Eines muss man dem Radsport lassen. Er gibt wenigstens manchmal schonungslos sein Innerstes preis. Während die Vertreter anderer dopingintensiver Sportarten über diesen besonderen Teil ihrer Biografie konsequent schweigen und ihre Geheimnisse mit ins Grab nehmen, packen einige Radrennfahrer aus, immer wieder auch solche aus den USA. Vor allem diejenigen, die es während ihrer sportlichen Karriere mit Lance Armstrong zu tun bekommen haben. Jonathan Vaughters arbeitet sich in seiner Autobiografie "One-Way Ticket" geradezu ab an diesem menschlich nur schwer zu ertragenden Alphatier. Vaughters ging dabei den Weg, den so viele Top-Talente vor ihm gegangen sind. Er trainierte wie ein Verrückter, ordnete sein Leben bedingungslos dem Sport unter. Aber er musste einsehen, dass er es ohne Doping nicht an die Spitze schafft. Also nahm er die Angebote seiner Teamärzte an. Solange, bis es ihn anwiderte und er ausstieg. Über Armstrong, den herausragenden Protagonisten der Hochdoping-Ära im US-Radsport, weiß Vaughters viel Schlechtes zu erzählen, und es gibt keinen Grund, an seinen Aussagen zu zweifeln. Es ist das hohe Verdienst des heute 47-Jährigen, dass er sich in den USA als Kronzeuge zur Verfügung stellte und entscheidend dazu beitrug, Armstrong von seinem Sockel zu stoßen. Jetzt engagiert sich Vaughters für einen sauberen Radsport. Viel Glück dabei.

Jonathan Vaughters: One-Way Ticket. Autobiografie. Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper und Rainer Sprehe. Covadonga Verlag, Bielefeld 2020. 384 Seiten, 18 Euro.