TIPPS DES MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 19. September 2020

Literatur & Vorträge

Verderbte Zivilisation
Jo Nesbø: Ihr Königreich.
Roman. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein Verlag,

Berlin 2020. 286 Seiten, 24,99 Euro.

Weil es dem jungen Roy nicht gelungen ist, seinen kleinen Bruder Carl vor dem Missbrauch des Vaters zu schützen, hält er im späteren Leben den Kopf für ihn hin. Wider jede Vernunft und trotz des Verrats, den der mittlerweile gewissenlose Carl an ihm verübt: Denn Roy ist süchtig danach, für seine einstige "Unterlassungssünde" zu büßen. Bis hin zum Mord. Trotz der eingearbeiteten kleinen essayistischen Überlegung zu Sprache und Erinnerung, zur Schönheit des Entstellten und dazu, warum wir lieben, was wir lieben, ist Jo Nesbøs Roman ein Werk von archaischer Wucht: Was er verhandelt, ist nicht weniger als die Frage, wie verderbt die Zivilisation ist, wie zweifelhaft ihre Moral: Wenn die Verbrechen von jenen begangen werden, die als Hüter der Sittlichkeit gelten.Jugendlicher Selbsthass
Sally Rooney: Normale Menschen.
Roman. Aus dem Englischen von Zoe Beck. Luchterhand Verlag, München 2020. 317 Seiten, 20 Euro.

Sie will geliebt werden und kriegt es nicht hin: Und das liegt nicht daran, dass Marianne die Tochter betuchter Eltern ist und ein Auge auf Connell, den Sohn der Putzfrau, geworfen hat. Es liegt an ihrem Selbsthass, der sie dazu treibt, Lust mit Bestrafung zu koppeln: Als hätte sie es nicht besser verdient. Sally Rooney hat, scheint es, ein wichtiges Thema aufgegriffen: Selbsthass bei Jugendlichen ist ein um sich greifendes gesellschaftliches Phänomen.

Ein Roman, der über die Gründe spekuliert, wäre spannend gewesen. Leider steckt in Mariannes Fall wieder nur früh erfahrene Gewalt in der Familie dahinter. Dennoch ist der Roman nicht von der Hand zu weisen, Sally Rooneys zu kleinen festen Fäusten geballte Sätze können zuschlagen. Auch wenn sie nicht immer ins Schwarze treffen. Fortgesetzte Auslöschung

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung. Roman. Aus dem
Japanischen von Sabine Mangold.

Liebeskind Verlag, Berlin 2020. 351 Seiten, 22 Euro.


Hüte, Brechbohnen, Vögel, Spieluhren, Früchte: Über die Jahre verschwindet ein Ding nach dem anderen von der Insel. Und mit den Dingen verschwinden die Gefühle dafür, die Erinnerungen daran verblassen und hinterlassen Leerstellen in den Herzen der Bewohner. Doch es gibt Menschen, die nicht vergessen.

Sie leben gefährlich. Von der Gedankenpolizei gejagt, versuchen sie im Untergrund das Eliminierte im Gedächtnis zu bewahren, während die Auslöschung immer weiter voranschreitet. Dann sind die Romane an der Reihe: Und die Bücher brennen. Was wir – bis hin zur Vernichtung unserer Identität – riskieren, wenn wir der Entkörperlichung der Welt nicht entgegentreten: Das veranschaulicht die 1962 geborene Schriftstellerin Yoko Ogawa auf eine so märchenhaft poetische Weise, als ließe sie Drachen im Herbstwind steigen.