Vom Wissenschaftler zum Aktivisten

Andreas Frey

Von Andreas Frey

Fr, 04. Dezember 2015

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber attestiert der Menschheit, sie sei auf dem Weg in die "Selbstverbrennung".

Ging es auch eine Nummer kleiner? Offensichtlich nicht. Und so liegt auf dem Tisch ein Buch, das mit dem apokalyptischen Titel "Selbstverbrennung" überschrieben ist. Zu sehen ist der Titan Atlas, der eine in Flammen aufgehende Welt auf den Schultern trägt. Das Buch ist ein pünktlich zur Klimakonferenz in Paris erschienener Beitrag zur Debatte über den Klimawandel. Geschrieben hat es der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Es ist eine Bilanz seines Lebenswerks. Mit durchaus interessanten Anekdoten aus seinem Leben als Klimaforscher, mit einem sehr langen und fundierten Abschnitt über Wissenschaftsgeschichte, mit einer wissenschaftlich seriösen und guten Zusammenschau des Problems Klimawandel, aber auch mit den üblichen Alarmierungen, Anklagen und einem – nun ja – flammenden Appell für eine Art Weltbürgerbewegung. Spätestens hier vollzieht sich Schellnhubers endgültige Wandlung zum Aktivisten. Und damit ist sein Buch mehr als ein Sachbuch. Es ist ein Manifest.

Denn Schellnhuber, der selbst ernannte "Gewissenschaftler", sieht die Zivilisation geradewegs auf dem Weg zum Flammentod, wenn der Mensch nicht endlich die Dringlichkeit des Klimawandels erkennt. Die Feuer-Metaphorik hat es Schnellnhuber angetan – wahlweise droht er auch mit dem Scheiterhaufen, dem Weltenbrand oder dem Wärmetod. Die Metaphorik jedenfalls wiederholt sich auf den mehr als 700 Seiten, und sie ist noch einmal eine neue Dimension Schellnhuberscher Untergangsrhetorik.

Der Ton aus Potsdam hat sich rechtzeitig zu Paris noch einmal verschärft. Dabei waren manche PIK-Forscher bislang schon nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, vor der Erderwärmung zu warnen. Die Erzählung vom Klimawandel folgte bisher dem Prinzip Angst: Je unheilvollere Folgen man beschrieb, desto mehr Aufmerksamkeit war einem sicher. Doch egal, wie wichtig oder dringend ein Problem ist: Ein Wissenschaftler sollte keine Angst verbreiten. Zielführend war diese Strategie ohnehin nicht. Die Welt stößt im Jahr 2015 mehr schädliche Treibhausgase aus als je zuvor.

Schellnhuber erzählt also auf mehr als 300 Seiten die Geschichte der Klimaforschung. Erst danach schildert er seine sehr persönliche Sicht des Problems und damit auch einiges über sich selbst. Schellnhuber ist ein herausragender Wissenschaftler; seiner nimmermüden Arbeit verdanken wir Erkenntnisse über das komplizierte System Klima wie beispielsweise die Existenz sogenannter Kipppunkte. Schellnhuber ist so etwas wie ein wissenschaftlicher Weltstar. Er berät Staatschefs und Regierungen, er war der Motor hinter der beachtlichen Umweltenzyklika des Papstes, die in diesem Sommer erschien.

Besonders stolz ist Schellnhuber auf die Formulierung des Zwei-Grad-Ziels. Bei dieser Erhöhung wären die Folgen der Erderwärmung gerade noch beherrschbar. Er notiert also: "An einem Spätsommertag im Jahr 1993 schrieb ich – möglicherweise – Weltgeschichte." Dieses Ziel ist seit einigen Jahren das erklärte Ziel jeder Klimaverhandlung. Das Problem: Alle Versuche, die Welt zu einem verbindlichen Abkommen zu verpflichten, sind bisher gescheitert.

Hat die Welt also nicht verstanden? Das ökologisch Wünschenswerte muss nicht immer das politisch Richtige sein, wie der Politikberater Oliver Geden von der Stiftung für Wissenschaft und Politik sagt. Die Entweder-Oder-Rhetorik – entweder Einsparungen oder Katastrophe – bisheriger Verhandlungen, die Schellnhuber als einer der lautesten propagiert, habe in die Sackgasse geführt. In Paris wird deshalb eine Politik der kleinen Schritte verfolgt.

Die Kritik am Zwei-Grad-Ziel bedeutet nicht, dass man es wissenschaftlich infrage stellt. Aber darum geht es Schellnhuber gar nicht. Es geht ihm um Klimapolitik: "Das große Wort führen vor allem Politologen, die genau zu wissen glauben, wie Klimaverhandlungen funktionieren. Dies weiß ich jedoch persönlich, mit Verlaub gesagt, mindestens ebenso gut", schreibt er.

Einwände gehören zu einer Debatte dazu

Er kämpft wie kein anderer für die gute Sache. Und dabei ist ihm häufig jedes Mittel recht, wie man bereits am ausgeprägten Freund-Feind-Verständnis vieler Klimaforscher und Aktivisten erkennt: Bist du nicht für uns, bist du gegen uns, heißt es dann. Wer den Weg zur Rettung der Welt anzweifelt, wird reflexartig auf eine Stufe mit den Leugnern des Klimawandels gestellt, die Schellnhuber "radikale Klimaschutzgegner" nennt. Dabei ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Kämpfen für die gute Sache, das Ausblenden von Unsicherheiten und das Abwürgen missliebiger Diskussionen erst jene kruden Verschwörungstheorien geboren hat, die die Erderwärmung als Lüge darstellen. Was sie natürlich nicht ist.

Im Gegenzug stilisieren sich Klimaforscher wie Schellnhuber gerne als Opfer von Kampagnen, die eigentlich nur in Ruhe forschen und nebenbei die Welt retten möchten. Aber: Das ist eben Politik. Einwände, und seien sie noch so hämisch oder dämlich, gehören zu einer solch wichtigen Debatte hinzu. Sie sind Teil des demokratischen Prozesses. Das sollte man aushalten können.

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. C. Bertelsmann, München 2015. 778 Seiten, 29,99 Euro.