"Man kann Klischees nie ganz vermeiden"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 17. März 2019

Lörrach

Der Sonntag Im Interview spricht der Kabarettist Frank Sauer über die fließende Grenze zwischen Comedy und Kabarett.

Mit seinem aktuellen Programm über Beziehungsmuster packt der Kabarettist Frank Sauer, der am kommenden Samstag im Nellie Nashorn auftritt, einen echten Comedy-Klassiker an. Für den Berliner Bühnenmann liegt genau darin die Herausforderung.

Der Sonntag: Bei der Recherche stieß ich auf einen Frank-Sauer-Vortrag: "Lassen sich Killerroboter noch verhindern?" Leider war der gar nicht von Ihnen, sondern von einem Namensvetter. Zu Ihrem Programm "Mit Vollgas in die Sackgasse" scheint er trotzdem zu passen.

Künstliche Intelligenz spielt bei mir allerdings keine Rolle, es geht mehr um Lebensführung, auch wenn das ein sehr großes Wort ist. Ich frage mich, wo wir uns politisch in eine Sackgasse bewegen, etwa beim Gesundheitssystem, dem Klimawandel oder der Kommunikation.
Der Sonntag: Sie treten an zwei Tagen mit zwei unterschiedlichen Programmen in Lörrach und Freiburg auf. "Mit Vollgas in die Sackgasse" klingt politischer als das Programm "Scharf angemacht – Die besten Rezepte für Beziehungssalat", das Sie in Freiburg spielen.

Ja, es ist mehr an gesellschaftlichen Themen orientiert als das neue Männer-Frauen-Programm in Freiburg. Den Begriff "politisch" meide ich aber eher, weil ich kein politisches Kabarett im klassischen Sinn mache. Das Programm ist anspruchsvoll und gesellschaftskritisch, aber nicht tagespolitisch.
Der Sonntag: Weil Sie diese Form des Politkabaretts nicht schätzen?

Ich habe das früher viel gemacht, im Duo Die Nestbeschmutzer. Aber ehrlich gesagt wäre es mir schon auf Dauer zu viel, jede Woche das Programm umschreiben zu müssen. Ich habe ja noch andere Dinge zu tun. Mir ist das tagespolitische Kabarett aber auch zu hektisch. Ich bin eher ein wissenschaftlicher Typ, der sich in Themen reinkniet und dann an den Nummern feilt, damit sie nach ein, zwei Monaten nicht schon obsolet sind.

Der Sonntag: Wo finden Sie bei "Mit Vollgas in die Sackgasse" Reibungspunkte fürs Kabarett?

Zum Beispiel beim Thema Gesundheitssystem. Ärzte dürfen ja existenziell gar kein Interesse daran haben, dass alle Leute gesund sind.
Der Sonntag: Wie im alten Zahnpasta-Werbespruch "Die gibt der Zahnarzt seiner Familie"? Der hat auch viele skeptisch gemacht.

Genau. Er kann ja nicht wollen, dass Sie nur gesunde Zähne haben. Aber es geht in dem Programm auch darum, sich aus dem Hamsterrad zu befreien, innezuhalten und mal langsam zu machen.
Der Sonntag: Das klingt jetzt aber fast wie aus der Biopostille "Schrot und Korn". Wo entzündet sich für Sie der humoristische Funke?

Ganz wichtig ist die Abwesenheit des erhobenen Zeigefingers. Der Humor entsteht natürlich zum Beispiel in der Übertreibung und der Darstellung, im sechsfachen Augenzwinkern der Kritik.
Der Sonntag: Wie in der Nummer mit dem Handynutzer im Wartezimmer über unsere Unfähigkeit, mit ungenutzter Zeit umzugehen?

Es bleibt leider nicht bei der dauerhaften Fummelei am Handy, Leute telefonieren ja völlig rücksichtslos in jeder Situation. Ich kommentiere das aber nicht moralisch, sondern beobachte und beschreibe das in überspitzter Form.
Der Sonntag: Sie schrieben Ihre Magisterarbeit über die "Theorie des Kabaretts". Womit würde sich Ihre Doktorarbeit nach 30 Jahren in der Praxis beschäftigen?

Wie Kabarett funktioniert, ist immer ein interessantes Thema. In jüngster Zeit haben sich viele Formen vermischt, nicht nur Comedy und Kabarett, auch Puppenspiel, Bauchreden, Lesungen und Poetry-Slam machen die Kleinkunst viel bunter. Wie die Grenzen zwischen diesen Genres verschwimmen, finde ich spannend und bereichernd.
Der Sonntag: Manchen Kollegen ist die scharfe Trennung von Comedy und Kabarett aber sehr wichtig.

Ich wollte mich da selbst nie eindeutig positionieren und fand diese Unterscheidung nie gut. Früher schrieb ich ja sogar "Kabarett und Comedy" auf die Plakate. Ich will, dass sich die Leute richtig amüsieren, aber auch Denkstoff mitnehmen können.
Der Sonntag: Merkt man Unterschiede im Publikum, wenn man an klassischen Orten des Politkabaretts spielt?

Ja, absolut. Auf einer Bühne wie dem Theater am Küchengarten in Hannover, wo man jahrzehntelang ganz wenig lachen durfte und stattdessen Material an die Hand bekam, um mit der Fahne auf die Straße zu rennen, spürte man lange, dass die Leute anderes gewohnt waren. Umgekehrt schauen sie an typischen Comedy-Orten schonmal auf die Uhr, wenn es etwas ruhiger und nachdenklicher wird.
Der Sonntag: In Freiburg spielen Sie am 22.3. das neue Programm "Scharf angemacht". Wie umgeht man da übliche Mann-Frau-Klischees?

Mir war von Anfang an völlig klar, dass das das größte Problem wird. Das war eine Herausforderung. Nicht zuletzt deshalb habe ich auch eine Nummer über Klischees geschrieben. Ich wollte ein Programm, und ich glaube ich habe das geschafft, das eine gewisse Tiefe und Niveau behält.
Der Sonntag: Welche Themen haben Sie da gereizt?

Ich habe eher Themen gesucht, die am Rand liegen. Ich habe zum Beispiel Beziehungsratgeber gelesen und danach überlegt, wie eine Anleitung klingen müsste, wenn jemand seine Beziehung wirklich schrotten will. Es geht auch um die typischen Umfragen zum Fremdgehen aus Cosmopolitan und Men’s Health, die herrliche Satiren über den Umgang mit Statistiken bieten. Man kann aber Klischees nie ganz vermeiden. Die Grenze zwischen tatsächlichem Verhalten und dem Klischee ist ja fließend.
Der Sonntag: Wir leben in einer Zeit, die Geschlechterfestlegungen längst hinterfragt. Da wirkt manches anachronistisch. Was lief bei Kramp-Karrenbauers "Diversen-WC"-Witz schief?

Dass man ihn zu ernst nahm. Ich habe aber auch eine Nummer zu den 30 geschlechtlichen Identitäten, unter denen man bei Facebook wählen kann. Stellen Sie sich vor, was bei einem Feueralarm passieren würde, wenn man die sprachlich alle repräsentieren wollte, bis man dazu kommt, ihnen zu sagen, dass sie schnell raus müssen. Es ist richtig, dass wir sensibler werden. Aber ich glaube auch, dass man irgendwo Grenzen ziehen muss.
Der Sonntag: Sie sagten einem Kollegen zum Start Ihrer Tournee, "Es gibt Dinge, die glaubt mir kein Mensch." Zum Beispiel?

Im Tierreich gibt es vieles, was für unser Geschlechterverständnis hochinteressant ist. Nehmen Sie die Bananenschnecke. Sie ist ein Zwitter und 15 Zentimeter lang, ihr Penis aber 85 Zentimeter. Da will man als 1,80-Mann gar nicht anfangen zu rechnen. Nach dem Geschlechtsakt gibt es oft Probleme, dann beißt ihn sich die Schnecke einfach ab und lebt fortan als Weibchen weiter. Da denkt man über Penisneid und Kastrationsangst ganz anders nach. Andere Tiere können ihr Geschlecht wechseln, wenn die Sexualpartner ausgehen, bei Seepferdchen werden die Männer schwanger.
Der Sonntag: Sie meinen, mit unserer Diskussion von Diversität hinken wir weit hinterher?

Man merkt eben: Der liebe Gott hat sich bei der Schöpfung als die Tiere dran waren, noch viele Gedanken gemacht und spannende Lösungen entwickelt. Als wir Menschen dann schließlich am sechsten Tag dran kamen, war er ausgelaugt. Müssen wir mit leben.

Das Gespräch führteRené Zipperlen
Frank Sauer "Mit Vollgas in die Sackgasse", Samstag, 23. März, 20 Uhr im Nellie Nashorn in Lörrach, der Eintritt kostet 19 Euro an der Abendkasse, 16 Euro im Vorverkauf unter http://www.bz-ticket.de und bei allen BZ-Geschäftsstellen. Am 22. März spielt Frank Sauer bereits im Freiburger Vorderhaus.