"Lust auf gemeinsames Singen wecken"

Ralf Morys

Von Ralf Morys

Mo, 01. Februar 2021

Hinterzarten

BZ-INTERVIEW mit Roman Babler über die Orgel als Instrument des Jahres 2021 und die Suche nach dem Kleinen im Großen.

Die Landesmusikräte aus zwölf Bundesländern, darunter auch Baden-Württemberg, haben die Orgel zum Instrument des Jahres 2021 gekürt. Sie ist das größte aller Musikinstrumente, das tiefste und höchste, das lauteste und leiseste. Seit 2017 sind Orgelmusik und Orgelbau durch die UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Ralf Morys sprach mit Roman Babler über das Instrument, das niemand mit nach Hause nehmen kann und dessen Besonderheiten beim Spielen mit Tasten und Pedalen.

. BZ: Zum Instrument 2021 ist die Orgel gekürt worden. Für Sie die richtige Wahl ?
Babler: Ob es die richtige Wahl ist, weiß ich nicht – in jedem Fall aber eine interessante Wahl in einer Zeit, in der die Orgel ihrer vornehmsten Aufgabe, den gottesdienstlichen Gemeindegesang zu führen, zu stützen, zu veredeln gar nicht nachkommen kann, weil in Gottesdiensten nicht gesungen werden darf. Und auch Konzerte sind derzeit ja nicht möglich. Und wer weiß, wie lange noch.

BZ: Die Orgel gilt als Königin der Instrumente. Worauf gründet dieser gute Ruf ?
Babler: Auf dem Ruf, dass sie in sich die vielfältigsten Klangfarben vereint und diese wiederum, wie in einem großen Orchester auf vielfältigste Weise untereinander kombinieren kann. Nicht wenige von diesen Klangfarben sind dabei konkreten Instrumenten nachempfunden, versuchen diesen möglichst nachzukommen, tragen als sogenannte Register folgerichtig auch deren Namen wie Trompete, Schalmei, Violone, Klarinette, Flöte und viele mehr. Einige wenige Orgel-Instrumente haben als Register sogar eine "Vox humana", also eine menschliche Stimme.

BZ: Sie kennen sich an Tasten und Pedalen der Orgel aus. Wo liegt für einen Organisten die Herausforderung, um die Klangvielfalt und die Klangfülle einer Orgel auszuschöpfen ?
Babler: Die eine, eher künstlerische Herausforderung besteht im kreativen Kombinieren der einzelnen Klangfarben – je nach Größe der der Orgel eine schier unendlich große Anzahl von Möglichkeiten –, einerseits mit dem Ziel den Intentionen der Komponisten von Orgelwerken möglichst nahe zu kommen, andererseits um lustvoll ungewöhnliche und die jeweilige Orgel charakterisierende Klangkombinationen auszuloten. Die technische Herausforderung besteht ganz klar in der Koordination von zehn Fingern und zwei Füßen.

BZ: Als Musiker haben Sie sich für die Orgel entschieden. Was reizt Sie an diesem Instrument mehr, als an allen anderen Blas- und Tasteninstrumenten ?
Babler: Mich reizt zweierlei: Als Freund eher leiser und intimerer Töne reizt es mich, diesem von den meisten als sehr prunkvoll und klangmächtig empfundenen Instrument eben diese Klänge zu entlocken, also irgendwie im Großen das Kleine zu suchen. Hauptsächlich reizt mich aber die Aufgabe, den liturgischen Gesang einer zum Gottesdienst versammelten Gemeinde auf kreative und witzige Weise zu ergänzen und zu stützen und damit Lust aufs gemeinsame Singen zu wecken, um so im Gottesdienst ein Fensterchen zum Himmel aufzumachen.

BZ: Sie kennen sicher die Orgeln im Hochschwarzwald, sei es als Organist oder als Zuhörer bei Konzerten. Wo stehen für Sie die drei Top-Orgeln in der Region ?
Babler: Zunächst eine Einschränkung – als katholischer Organist komme ich zwar nicht ausschließlich, aber über die Gottesdienste überwiegend mit Orgeln in Berührung, die in katholischen Kirchen stehen. Ich habe daher ein konfessionell etwas eingeschränktes Blickfeld auf die hiesige Orgellandschaft. Von den Orgeln, die ich hier oben kenne, liebe ich die Orgel im Neustädter Münster, wegen ihres überaus romantisch-warmen Klangbildes, das sehr gut mit dem Kirchenraum verschmilzt. Die Idee, in die kleine Dorfkirche in Saig ein kleines restauriertes Instrument aus England zu importieren und aufzustellen, finde ich witzig und gelungen. Als Konzertbesucher erfreue ich mich an den Klängen des Instrumentes in St. Peter.

BZ: Kompositionen für das Orgelspiel stammen aus verschiedenen Epochen bis hin zur Neuzeit. Aus welcher Zeit stammen für Sie die schönsten Orgelwerke ?
Babler: Ich liebe romantische Orgelmusik.

BZ: Haben Sie einen Komponisten, dessen Orgelwerke Sie am liebsten spielen ?
Babler: Hier bin ich stark frankophil ausgerichtet: Cesar Franck und viele weitere Komponisten aus Frankreich durch alle Epochen hindurch.

BZ: Mit dem Blick in die große, weite Welt, wo steht denn die Orgel, auf der Sie sich wünschten, einmal in die Tasten greifen zu dürfen?

Babler: Bei dieser Frage muss ich passen. Meistens geht es ja dabei um irgendwelche Superlative, die den inneren Antrieb oder Wunsch beflügeln – und da bin ich kein Freund von und polyglott bin auch nicht.

Roman Babler (56) lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Breitnau. Er arbeitet als Schulmusiker am Birklehof. Als Organist und Chorleiter ist er nebenberuflich tätig für die römisch-katholische Kirchengemeinde Beim Titisee und da fast nur in der Pfarrei Hinterzarten. Babler hat Schul- und Kirchenmusik an der Musikhochschule in Freiburg studiert. Er ist gebürtiger Schwabe aus Stuttgart, inzwischen aber SC-Freiburg Fan.