Online-Gottesdienste

Man kann umschalten oder "Klappe halten!" sagen

Ulrich Greder

Von Ulrich Greder (Freiburg)

Mo, 18. Mai 2020

Leserbriefe Freiburg

Zum Bericht "Zögerlicher Start für Gottesdienste" (BZ vom 9. Mai) und andere Artikel über ausgefallene Gottesdienste sowie Online-Gottesdienste.

Nachdem die Evangelischen in gewissenhafter Obrigkeitstreue Gottesdienste absagten, haben sie jetzt gemerkt, dass nach Öffnung von Bau-, Super- und sonstigen Märkten man sich wieder eingeschränkt treffen darf. Aber wir warten lieber noch eine Woche mehr, damit dies die Obrigkeit freut und der Altar im Schatten des Thrones wieder in Dienst gestellt werden kann. Bedeutet dies das Ende der Online-Gottesdienste? Das wäre jammerschade. Was ist es doch für ein Labsal, sich das Frühstück durch einen Gottesdienst versüßen zu lassen. Gemütlich im warmen Zimmer sitzen auf angenehmen Sitzmöbeln mit verständlicher Tonübertragung (da sind Profis am Werk – vielen Dank!), ordentlicher Diktion von liturgisch Mitwirkenden, gute Musik (Beifall!) und vieles mehr. Zur Verbesserung hätte vielleicht noch die professionelle Lesung der Bibeltexte durch Schauspieler – die gibt’s ja in Freiburg – beitragen können, und dies in szenischer Lesung. Ein finanzieller Beitrag zur Überwindung der Krise für Kulturschaffende – man hat ja Heizung gespart! Das nur nebenbei. Wenn es sich ergibt, kann man beim Frühstückstisch Bibeltexte gleich erleben: "Du deckst mir einen Tisch..." " … lässt den Blick schweifen über Brötchen, Marmelade, Wurst..." und "...du schenkest mir voll ein..." (Psalm 23) lässt uns Orangensaft, Kaffee oder Tee besonders genießen. Zum Frühstück im sonnigen Garten/auf der Terrasse klingt der Psalmvers "Wer unter dem Schirm des Höchsten wohnt..." lebendig. Hört man die Geschichte von der Hochzeit zu Kana (professionell gelesen!) mit dem Weinwunder, freut man sich auf den anschließenden Frühschoppen. Campingfreunde erleben die Geschichte von Abraham vor seinem Zelt, als drei Männer kommen, wie eine Vorfreude auf die Skatrunde in den Ferien. Dass die drei Männer als Boten Gottes die Geburt eines Sohnes verheißen, lässt die Campingfreundin in tiefe Nachdenklichkeit versinken. Was will man mehr von einem Gottesdienst? Und die Predigt: Man kann ungeniert dazwischenrufen, man kann Kommentare abgeben (strafbewehrt verboten in der Kirche!), mit anderen sich während der Predigt austauschen und, wenn es mal wieder betulich langweilig wird, kann man umschalten oder "Klappe halten!" sagen und den Laptop zuklappen. Wer traut sich schon, aus Langeweile den realen Gottesdienst zu verlassen? Auf dies und anderes Angenehmes mehr soll ich jetzt verzichten, wenn die Kirchen wieder zusammenläuten? Och, nöö … ich bin jetzt für "Liturtainment".

Ulrich Greder, Freiburg