Interview

Maueröffner Schabowski: "Auf dem Zettel stand kein Sperrvermerk"

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 09. November 2019 um 14:07 Uhr

Deutschland

Günter Schabowski verkündete 1989 offiziell die Öffnung der Mauer. BZ-Redakteur Stefan Hupka traf ihn zehn Jahre später zum Interview. Wir veröffentlichen nochmals das Interview von 1999.

"Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich" – diese nicht gerade gewählten Worte bewirkten am Abend des 9. Novembers 1989, dass sich die Berliner Mauer öffnete. Zehn Jahre später traf unser Redakteur Stefan Hupka in Berlin den Mann, der die neue Reiseregelung mehr gestammelt als verkündet hatte, und fragte ihn, wie er sich an den Abend erinnert – Günter Schabowski, 1989 Sekretär für Informationswesen im ZK der SED.

BZ: Vor zehn Jahren wurden Sie mal kurz weltberühmt. Ist Ihnen da noch feierlich zumute?
Schabowski: Eher nicht, es war nämlich nicht mein Lebensvorsatz, die DDR zu beerdigen.

BZ: Dachten Sie denn, die DDR würde das aushalten: offene Grenzen?
Schabowski: Ehrlich gesagt, ja. Ich dachte, dass wir damit der DDR ein anderes Flair verleihen, sie akzeptabler machen für die Menschen. (...)

" Es war ja das Eingeständnis unserer chaotischen Situation und Schwäche."

BZ: Wie war das eigentlich mit dem Zettel?
Schabowski: Krenz (DDR-Staatschef) gab mir den Entwurf der neuen Reiseregelung. Ich gehe vor die Presse, bin aber entschlossen, das an den Schluss zu stellen, denn es war ja das Eingeständnis unserer chaotischen Situation und Schwäche.

BZ: Erst auf Nachfrage gaben Sie laut.
Schabowski: Ja, als die Frage kam, habe ich den Zettel aus meinen Notizen gekramt und die Verordnung verlesen. Der Zufall: Sie hätte erst anderntags um vier Uhr verlesen werden sollen, im Rundfunk. So hatte sich die Ministerialbürokratie das gedacht. Aber der Sperrfristvermerk stand nicht drauf.

BZ: Aber Sie wussten, dass es noch niemand wusste?
Schabowski: Nee, dat wusst’ ick eben nich! Ich nahm an, das Ding ist beschlossen, ich bin der erste Verkünder, sozusagen Inkraftsetzer, und die Bürokraten werden das schon intern auf den Dienstweg (an die Grenztruppen, d. Red.) gegeben haben.

" Ich dachte, die Leute beantragen jetzt mal erst in Ruhe ihre Pässe und packen ihren Koffer."

BZ: Und dann? Hat Sie das Echo überrascht?
Schabowski: Ohne Zweifel ja. Von dieser Flut war ich überrascht. Ich hatte da einfach keine Fantasie. Ich dachte, die Leute beantragen jetzt mal erst in Ruhe ihre Pässe und packen ihren Koffer.

BZ: Wie erklären Sie sich, dass die waffenstarrenden Grenzer sich dem Ansturm quasi ergeben haben?
Schabowski: (...) Die Offiziere dachten: Da braut sich was zusammen, wir können uns Härte nicht mehr leisten, wer weiß, was morgen aus uns wird. Die Leute riefen, lasst uns durch, habt ihr nicht gehört, was der Schabowski verlesen hat? Da dachten die Grenzer, sie hätten irgendwas verpennt.

BZ: Und am nächsten Morgen im Politbüro – Gebrüll?
Schabowski: Ach wo! Das trat ordnungsgemäß zusammen, keiner hat was gesagt. Nur Mielke (Minister für Staatssicherheit), glaube ich, hat was gebrabbelt wie: Da hat uns ja einer ganz schön was eingebrockt. Aber Mielke stand sowieso auf dem Aussterbe-Etat – derer, die rausfliegen würden.