Zehntausende Frauen streiken in der Schweiz

Martina David-Wenk und AFP

Von Martina David-Wenk & AFP

Sa, 15. Juni 2019

Schweiz

Demonstrationen für Gleichberechtigung und gegen sexualisierte Gewalt in Basel und vielen anderen Städten und Gemeinden.

BASEL. "Revolution" schreien die Demonstrantinnen auf dem Theaterplatz in Basel. Wie in der ganzen Schweiz demonstrieren an diesem Freitag, 28 Jahre nach der ersten großen Frauendemonstration in der Eidgenossenschaft, überwiegend Frauen und Mädchen für mehr Gleichberechtigung, für gleichen Lohn und gegen sexualisierte Gewalt. Eine Revolution wollen die 5000 Aktivistinnen nicht starten, vielmehr wollen sie nur das umgesetzt sehen, was seit 1981 in der Verfassung steht: die Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

Als Nathalie und Vivien um 15.30 Uhr die Frauen und einige Männer auf dem Theaterplatz begrüßen, haben rein theoretisch die Schweizer Frauen schon sechs Minuten lang ohne Entgelt gearbeitet. Denn die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen beträgt 21 Prozent; während Männer bei gleichem Gehalt schon Feierabend haben, müssen Frauen noch länger arbeiten, um auf das gleiche Geld zu kommen. Das ist eine andere Version vom ungleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Die weiblichen Mitglieder von Unia, der größten Gewerkschaft der Schweiz, fallen im Publikum durch pinkfarbene Hemden und ebenso farbige Regen- oder Sonnenschirme auf. Unia ist Mitorganisatorin des Frauenstreiks, und "mehr Lohn, mehr Zeit und mehr Respekt" ist ihre Forderung. Eine andere Gruppe tritt für mehr Gleichberechtigung in der katholischen Kirche ein: Schweizer Katholikinnen wie Monika Hungerbühler, Theologin der offenen Elisabethenkirche in Basel, fordern wie die deutschen Katholikinnen unter dem Motto "Maria 2.0" eine Erneuerung des Frauenbilds der ihrer Kirche.

Auf verschiedenste Weise wird beim bunten Happening auf dem Theaterplatz für frauenpolitische Ziele geworben. Eine Cellistin spielt hoch oben auf einer Stehleiter genau 79 Prozent eines Stücks, dann bricht sie abrupt ab: So hört sich die Gehaltslücke an. Lila, die alte Farbe der feministischen Bewegung, dominiert auf dem Platz, sie wird von Frauen aller Altersgruppen getragen.

Ein ähnliches Bild geben an diesem Frauenstreiktag alle größeren und kleineren Städte und Gemeinden in der Schweiz ab. Zu den Forderungen der Veranstalterinnen zählen neben Gleichberechtigung und gleichen Löhnen flexiblere Teilzeitarbeitsmodelle, die Einführung eines Mindestlohns und vor allem Null-Toleranz für sexuelle Gewalt. Allein in Zürich sollen nach Angaben der Veranstalterinnen für diese Ziele 70 000 vorwiegend Frauen auf der Straße gewesen sein.

Ziel des Aktionstages sei es, "das Land mit einem feministischen Streik lahmzulegen", sagt die Aktivistin Marie Metrailler. Darum zählen neben den Kundgebungen und Trillerpfeifenkonzerte auch verlängerte Mittagspausen und öffentliche Picknicks. Vor den Regierungs- und Parlamentsgebäuden in Bern versammeln sich Tausende von Frauen in einer lautstarken Kundgebung. Das Parlament unterbricht seine Arbeit kurz, die Verteidigungsministerin Viola Amherd und Parlamentarierinnen schließen sich der Demonstration kurz an. "Es ist wunderbar! Wir sind hier, um Lärm zu machen, denn wenn wir nicht gesehen werden, existieren wir nicht", sagt eine Abgeordnete.