Offenburg

Miese Anmachsprüche angekreidet

ske

Von ske

So, 22. November 2020 um 16:32 Uhr

Offenburg

Miese Anmache: Man muss sich viel anhören, ehe einem die Ohren abfallen. Frauen berichten von ihren Erfahrungen mit sexualisierter männlicher Übergriffigkeit.

Jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Übergriffe durch Männer, so das Fazit einer bundesweiten Umfrage. Anscheinend helfen dagegen weder unser Grundgesetz mit seinem Verbot der Ungleichbehandlung und der Betonung der Würde aller Menschen noch die Errungenschaften der Frauenbewegung. Eine deutschlandweite Aktion namens "Hashtag angekreidet" soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass da immer noch etwas im Argen liegt zwischen den Geschlechtern.

Die Linksjugend Offenburg beteiligt sich daran mit verschiedenen Aktionen, so auch am vergangenen Samstag in der Innenstadt. Zwei Stunden zuvor fand vor dem Offenburger Rathaus eine weitere Aktion statt: Rot und schwarz gekleidete Frauen hissten Fahnen, um auf das Problem der Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen.

"Mein Frisör bot mir nach einem unerwarteten Kuss an, mein Sugar Daddy zu werden."

Amelie Vollmer, (17), Aktivistin von Fridays for Future und Kandidatin der Linken für die Landtagswahl 2021, erklärt, sie hat genug davon, dass Frauen im Alltag ständig sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind und als Objekt betrachtet werden. Die Antworten von Frauen auf den Aufruf der Linksjugend auf Instagram, ihre diesbezüglichen Erfahrungen publik zu machen, hätten sie wütend und betroffen gemacht. Es geht um Alltagserfahrungen, im Bus, beim Frisör, im Zug, auf der Straße, bei der Arbeit und in der Schule. "Mein Lehrer unterhielt sich lieber mit meinem Dekolltee als mit mir", ist so eine Aussage, "Mein Frisör bot mir nach einem unerwarteten Kuss an, mein Sugar Daddy zu werden", "Drei Männer nachts im Zug starrten mich an und beurteilten laut mein Aussehen", "Nachts auf dem Nachhauseweg: Hey, du Schlampe, bleib doch mal stehen", sind weitere Aussagen von Frauen. Unerwünschtes Grabschen, Missachtung des persönlichen Abstandswunschs, aber auch Gewalterfahrungen werden berichtet.

"Drei Männer nachts im Zug starrten mich an und beurteilten laut mein Aussehen"

Oft reagieren betroffene Frauen mit Scham und Schweigen auf solche Erfahrungen. Damit das nicht so bleibt und sie stattdessen Solidarität und Aufmerksamkeit erfahren, wurden einige der gesammelten Aussagen von jungen Aktivistinnen am vergangenen Samstagmittag mit Kreide auf das Pflaster von Marktplatz geschrieben, nach dem Motto "Lieber das Unrecht ankreiden, als es still zu ertragen!"

"Nachts auf dem Nachhauseweg: Hey, du Schlampe, bleib doch mal stehen"

Umstehende Passanten schauten sich die Kreidesätze an, ob ein Hinterherpfeifen als Ausdruck von Anerkennung oder als sexuelle Belästigung zu betrachten sei, wurde diskutiert. Für Amelie Vollmer ist das ganz einfach:"Das ist ein Übergriff und es nervt." Man kann nur hoffen, dass die richtigen Blicke sich auf den Boden richten und die Aussagen der Frauen zur Kenntnis nehmen.

Am 25. November, dem Internationalen Tag der Erinnerung an die Gewalt gegen Frauen, wird das orange angestrahlte Rathaus dann einen weiteren Aufmerksamkeitsschub für das wichtige Thema leisten, das gerade in Zeiten der Pandemie wieder schmerzhaft spürbar geworden ist, wie Statistiken zeigen.