Corona-Virus

Millionenstädte wegen Lungenkrankheit abgeschottet – Lage doch schlimmer?

dpa

Von dpa

Fr, 24. Januar 2020 um 16:55 Uhr

Panorama

Menschenleere Straßen, Schutzanzüge, Millionenstädte vom Militär abgeschottet: China reagiert vehement auf die neue Lungenkrankheit. Ist das Ausmaß schon weit schlimmer als offiziell mitgeteilt?

Millionenstädte sind abgeschottet, das Militär im Einsatz, es gibt keine Pauschalreisen mehr ins In- und Ausland: China reagiert mit immer neuen Maßnahmen auf die neue Lungenkrankheit. Doch es werden auch Zweifel laut, ob die offiziellen Angaben das wahre Ausmaß der Infektionswelle im Land wiedergeben.

Die USA kündigten am Freitag an, das Personal ihres Generalkonsulats und deren Familien aus dem schwer betroffenen Wuhan abzuziehen. Die Anordnung erfolge wegen der Ausbreitung des neuen Coronavirus, der logistischen Probleme durch das beschränkte Transportwesen und der "überwältigten Krankenhäuser" der Stadt, sagte ein Botschaftssprecher.

Viele Krankenhausmitarbeiter betroffen

Ärzte in Wuhan äußerten, dass sich ihrer Meinung nach schon wesentlich mehr Menschen angesteckt haben als offiziell zugegeben. Auch sei weitaus mehr Krankenhauspersonal betroffen als die offiziell bekannten 15 Mitarbeiter. "Es lassen sich infizierte Krankenhausmitarbeiter in fast allen größeren Krankenhäusern in Wuhan finden", sagte ein Arzt der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post".

Nach dem Ausbruch der Lungenkrankheit und der Stilllegung des öffentlichen Verkehrs hat eine Deutsche die chinesische Metropole Wuhan als "Geisterstadt" beschrieben. "Die Straßen waren wirklich leer, einfach nur leer", berichtete die Englischlehrerin Sarah Heintze aus Koblenz in einem dpa-Interview. "Es war wirklich fast kein Mensch auf der Straße", sagte die 32-Jährige, die seit sieben Jahren in Wuhan lebt.

Lange Schlangen in Krankenhäusern

In den Hospitälern hingegen gebe es lange Schlangen. "Es sind sehr viele Menschen in den Krankenhäusern, weil die halt ein bisschen Panik haben", sagte Heintze. "Ja, hab ich jetzt einen Husten, oder hab ich mir den Virus eingefangen?" Das wollten sie überprüfen. "Die Ärzte und Krankenschwestern sind ausgelastet. Die Krankenhäuser können eigentlich gar nicht so viele Patienten auf einmal aufnehmen."

Staatsmedien berichteten, in der 11-Millionen-Metropole werde ein neues Krankenhaus mit 1000 Betten errichtet – in nur sechs Tagen. Die Gebäude werden demnach aus vorproduzierten Bauteilen zusammengesetzt. Das Krankenhaus soll ab dem 3. Februar die ersten Patienten aufnehmen. In Wuhan gibt es besonders viele Infektionen, weil das Virus dort - vermutlich auf einem Markt - von einer Wildtierart auf den Menschen übersprang. Die Krankheit hat sich inzwischen im ganzen Land verbreitet.

Schutzanzüge und Straßensperren

Die Ärzte trügen Schutzanzüge, so Heintze. "Die versuchen sich schon abzusichern, damit nix passiert." Sie selber mache sich keine großen Sorgen. "Was bringt es mir denn, wenn ich in Panik gerate?", sagte Heintze. Es sei nicht gut, "wenn ich mich selber verrückt mache".
Keiner komme derzeit aus der Stadt raus: Die Polizei blockiere Straßen, die Bahnhöfe seien geschlossen, die Brücken über den Fluss und der Tunnel seien gesperrt. "Das ist mir schon sehr komisch", sagte Heintze.

Wenn sie rausgehe, trage sie eine Gesichtsmaske. Auch wasche sie sich häufig die Hände. "Wenn ich jetzt den Fahrstuhl benutze, drücke ich mit Hilfe des Schlüssels auf den Knopf", erzählte Heintze. "Da will ich jetzt halt nicht unnötig irgendwelche Sachen anfassen, die nicht unbedingt regelmäßig gereinigt werden." Über das Internet halte sie sich auf dem Laufenden.

Offizielle Angaben der chinesischen Behörden

Den chinesischen Behörden zufolge liegt die Zahl nachgewiesener Infektionen im Land derzeit bei rund 900. Mehr als 25 der Patienten sind gestorben, zumeist ältere Menschen mit Vorerkrankungen. Da Dutzende sehr schwer erkrankte Menschen in den Kliniken liegen, sind weitere Todesfälle zu erwarten. Nachweise wurden auch aus anderen Ländern wie den USA und Thailand gemeldet. In Europa ist bislang keine Infektion mit dem neuartigen Virus bekannt.

Direktflüge aus Wuhan zu europäischen Städten gibt es nicht mehr, eine weitere Maßnahme dürfte für noch weniger chinesische Gäste sorgen: China untersagte den Verkauf von Pauschalreisen ins Ausland und im Land selbst. Wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtete, wurden Reisebüros und Veranstalter angewiesen, den Verkauf solcher Pauschalurlaube von Freitag an zu stoppen. Der Schritt ist ein schwerer Schlag für die Tourismusindustrie: Chinesische Touristen haben allein 2018 mehr als 110 Milliarden Euro im Ausland ausgegeben.

Mehr als zehn Städte betroffen

In China war am Freitag bereits in mehr als zehn Städten der schwer betroffenen Provinz Hubei mit insgesamt mehr als 40 Millionen Einwohnern die Bewegungsfreiheit der Menschen stark eingeschränkt. Nah- und Fernverkehr wurden gestoppt, Ausfallstraßen gesperrt. Zudem sollen in der Öffentlichkeit Schutzmasken getragen werden. Etliche Besucher konnten die Stadt vorerst nicht mehr verlassen. Zumindest in Wuhan ist inzwischen auch das Militär im Einsatz - es leite die "gemeinsame Kontrollarbeit", berichtete das Staatsfernsehen. Auch werde medizinisches Personal des Militärs mobilisiert. Details etwa zur Zahl der eingesetzten Soldaten wurden nicht genannt.



Gesperrt wurden am Freitag auch Teile der Großen Mauer. Betroffen ist Staatsmedien zufolge der bei Touristen beliebte Mauerabschnitt Badaling im Norden von Peking. Zuvor hatten die Behörden bereits angekündigt, dass in Peking Großveranstaltungen auf unbestimmte Zeit gestrichen werden, darunter die traditionellen Tempeljahrmärkte, die als zentraler Teil der chinesischen Neujahrsfeiern gelten. Auch die Verbotene Stadt, das bekannte Palastmuseum in der Hauptstadt, gab bekannt, ab Samstag für unbestimmte Zeit zu schließen. Auch Disneyland in Shanghai machte zu.

WHO sieht keine internationale Notlage

Die auf ein neuartiges Coronavirus zurückgehende Infektionswelle überschattet zudem das chinesische Neujahrsfest, das in der Nacht zum Samstag begangen werden sollte. Zu dem zweiwöchigen Fest sind Hunderte Millionen Chinesen in ihre Heimatorte gereist - was die Sorge vor einer Ausbreitung des Virus noch vergrößerte.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bei zwei Sitzungen am Mittwoch und Donnerstag keinen Anlass gesehen, eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite auszurufen. Sie empfiehlt auch keine Reise- oder Handelsbeschränkungen. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte am Donnerstagabend, der Ausbruch werde aber extrem ernst genommen. "Es ist noch keine Notlage von internationaler Tragweite, aber das kann es noch werden."

Das Auswärtige Amt in Berlin riet dazu, nicht notwendige Reisen in die betroffenen Gebiete zu verschieben. Das Risiko für deutsche Reisende in Wuhan werde als "moderat" eingeschätzt.

Marburger Forscher suchen Impfstoff gegen Coronavirus

Das neuartige Coronavirus beschäftigt auch hessische Wissenschaftler. Virologen der Uni Marburg sind an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen den Lungen-Erreger beteiligt. Die Wissenschaftler nutzen dafür eine sogenannte Impfstoffplattform, wie Stephan Becker erläutert, der Direktor des Marburger Instituts für Virologie. Mit diesem Verfahren sollen möglichst schnell Gegenmittel für neue Viren gefunden werden. "Man kann aber nicht erwarten, dass man bereits in der ersten Ausbruch-Phase eines neuen Virus einen Impfstoff zur Verfügung hat", betont Becker, der mit seinem Team schwerpunktmäßig hochansteckende Erreger erforscht.

Mit der Plattform, die wie ein Baukastensystem für Viren und passende Antigene funktioniert, soll die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigt werden. Mindestens ein Jahr dauert es, bis klar ist, ob ein Mittel wirkt und sicher ist, so Becker. Sein Institut arbeitet mit anderen Wissenschaftlern zusammen, unter anderem am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung. Über die Beteiligung der Marburger an der Suche nach einem Coronavirus-Impfstoff hatte zuvor die "Oberhessische Presse" berichtet.

Die aktuell große Aufmerksamkeit für den Ausbruch auch hierzulande hält Virologe Becker für wichtig: "Das hat den positiven Effekt, dass die Sensibilität für das Thema wächst, gerade in Praxen und Krankenhäusern." So könne schnell reagiert werden, sollte ein Patient aus China in Deutschland behandelt werden müssen.