Offenburg

Minister Manfred Lucha im Landratsamt: Wer Klinikreform will, muss dicke Bretter bohren

ddn

Von ddn

Di, 22. September 2020 um 07:00 Uhr

Offenburg

Das heutige Gesundheitssystem hat sich in seinen Strukturen überlebt, sagt ein Experte beim Ministerbesuch in Offenburg. Was jetzt an Reform versucht wird, erfordert größte Anstrengungen.

Der Landrat wünscht sich "einstürzende Mauern", seine Amtsleiterin Evelyn Bressau will in Berlin mal den einen oder anderen Politiker "so richtig schütteln". Die Ansage beim "Fachtag zur sektorenübergreifenden Gesundheitsversorgung" am Montag im Offenburger Landratsamt macht deutlich: Die Akteure im Gesundheitswesen stehen unter massivem Druck. Und das liegt nicht nur an dem weiterhin lauten Streit um die 1,3 Milliarden Euro teure Klinikreform.

"Es ist eigentlich nicht zu wenig Geld im System enthalten, es geht eher um die Frage, wie es fair und angemessen verteilt wird."

Joachim Fischer, Direktor des Instituts für Public Health an der Uni Heidelberg
Es liege daran, dass die Politik in der Region mit ihren Ideen immer wieder an verkrusteten Strukturen scheitert. "Es ist eigentlich nicht zu wenig Geld im System enthalten, es geht eher um die Frage, wie es fair und angemessen verteilt wird", sagt Joachim Fischer, Direktor des Instituts für Public Health an der Uni Heidelberg. Das heutige Gesundheitssystem sei in einer Zeit erfunden worden "als gerade mal jeder dritte Haushalt ein Telefon hatte". Mit anderen Worten: Es hat sich in seinen Strukturen überlebt. Doch wer Reformen will, muss dicke Bretter bohren.

Strukturen der Vergütung von Klinikleistungen müssten geändert werden, um neue medizinische Dienstleistungen an den aufzugebenden Standorten anzubieten

Ein Beispiel: Die so genannten Genesungsbetten, die laut Landrat Frank Scherer in den aufzugebenden Klinikstandorten Ettenheim, Kehl und Oberkirch eingerichtet werden sollen. "Es wäre keine teurere Lösung als jetzt, aber medizinisch und menschlich die bessere", sagte der Landrat zu der Idee. Doch die Bedenken folgen auf dem Fuße. Sie fürchte, dass die Kliniken dies als Anreiz empfinden könnten, die Fallpauschalen für bestimmte Behandlungen einzustreichen und die Patenten danach schnellstens in die Genesungsbeten zu verlegen, wo erneut Kosten anfallen, warnt Petra Spitzmüller, stellvertretende Geschäftsführerin der AOK Südlicher Oberrhein. "Wie", so fragt sie, "finanzieren wir das Töpfe-übergreifend?"


"Irgendetwas kann da nicht stimmen, das Konzept muss überarbeitet werden."

Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts, zu langen Wartezeiten auf Termine bei niedergelassenen Ärzten
Seit mehr als zwei Jahren befasst sich der Ortenaukreis mit der "sektorenübergreifenden Gesundheitsversorgung". Der Begriff ist so spröde wie das Thema. Letztlich geht es um die Frage, wie man die Zusammenarbeit zwischen ambulanten und stationären Angeboten flexibler gestalten kann. Während die Arbeit der Kliniken in der öffentlichen Debatte seit Jahren zerpflückt wird, bleibt der Bürger mit seinem Frust über die Versorgung mit niedergelassenen (Fach-)ärzten weitgehend allein. "Viele Bürger haben uns gesagt, dass man sechs Monate auf einen Facharzttermin warten muss", sagt Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts beim Kreis. Auf der anderen Seite sei der Ortenaukreis, gemessen an der Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), mit Ärzten überversorgt. "Irgendetwas kann da nicht stimmen, das Konzept muss überarbeitet werden", folgert Bressau.

"Wir sollten deutlich schneller werden."

Minister Manfred Lucha
Dass der Kreis sich seit zwei Jahren intensiv mit diesem Thema befasst, das ihn eigentlich nur da berührt, wo er selbst mit seinen medizinischen Versorgungszentren aktiv ist, hat seinen Grund auch in der Klinikreform. Wenn Krankenhäuser schließen, so die Sorge vieler Bürger, dann fällt auch die dort angesiedelte Notfallversorgung weg. Diese Befürchtung aber, so Bressau, beruhe auf einem Irrtum: "Wir haben gemerkt, dass vielen Bürgern schon vorher nicht klar war, dass sie schon heute, zum Beispiel bei einem Schlaganfall, zum besten Spezialisten gebracht werden, ohne Umweg über das örtliche Krankenhaus". Eine von rund 1000 Anregungen und Erkenntnissen aus den sechs Strukturgesprächen, in denen der Kreis im vergangenen Jahr versucht hatte, herauszufinden wo die Menschen bei der medizinischen Versorgung der Schuh drückt.

Die große Runde am Montag im Landratsamt – zu der Vertreter der Medizinberufe gekommen waren, aber auch Kreisräte und Bürgermeister – bot jetzt eine Art Zwischenbilanz, die durchwachsen ausfiel. Die Strukturen, so wurde deutlich, sind reformbedürftig, vieles läuft offenbar umständlicher als es sollte, und es dauert sehr viel länger. "Es ist in unserem Interesse, dass die Menschen nicht von Pontius zu Pilatus geschickt werden und dass nicht für eine Diagnose sechs Mal Blut abgenommen wird", sagt der Sozialminister. Doch dies aufzubrechen, das dauere viel zu lange. "Wir sollten deutlich schneller werden", sagt Lucha, "ich schüttle mit Frau Bressau mit".