Herbert Achternbusch ist tot

Mit absurdem Humor gegen die Beharrungskräfte der Bierzelte

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 13. Januar 2022 um 20:17 Uhr

Literatur & Vorträge

Er legte sich mit der Kirche und den Bayern an und sorgte für handfeste Skandale: Der Filmemacher, Autor und Provokateur Herbert Achternbusch ist im Alter von 83 Jahren in München gestorben.

In seinem abgründig skurrilen Film "Der Atlantikschwimmer" von 1975 über zwei lebensmüde Münchner kommt ein Spruch vor, der das Zeug hatte, Motto für die sich gegen linken Dogmatismus formierende Spontiszene zu werden: "Du hast keine Chance aber nutze sie." Herbert Achternbusch war ein Held der 70er-Jahre, die im Nachgang der 68er vieles in Frage stellten, was eherne Gewissheit zu sein schien. Er war so etwas wie ein Vorläufer von Christoph Schliengensief, Aktionist, Skandalautor, Provokateur, Erfinder von filmischen Gesamtkunstwerken, in denen er alles auf einmal war: Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Als bayerischer Katholik arbeitete sich das auf vielen Gebieten – Film, Malerei, Literatur – experimentierende Enfant terrible auch an der Kirche ab: Und sorgte im Hinterland der Marterl für extreme Reaktionen. In seinem Film "Das Gespenst" von 1982 lässt er den Gekreuzigten von seinem Folterinstrument heruntersteigen, um sich mit einer jungen Ordensoberin recht irdischen Freuden hinzugeben. Hunderte von Katholiken protestierten vor den Kinos, in Österreich wurde der Film wegen Blasphemie beschlagnahmt. Das hatte Folgen für Achternbuschs Karriere. Der damalige Bundesinnenminister Zimmermann (CSU) verweigerte ihm Preisgelder und lehnte eine Förderung für seinen Film "Der Wanderkrebs" ab. Zehn Jahre dauerte der zermürbende Rechtsstreit, den Achternbusch am Ende gewann. Von Fördertöpfen war er die ganze Zeit abgeschnitten.

Der Vater von sechs Kindern hielt nichts von hehren Worten, erst recht nichts von Selbstbeweihräucherung. Er sah das Leben von der nüchternen, nicht weltanschaulich verstellten Seite. Und es ist kein Widerspruch, dass er sich am liebsten in Gasthäusern aufhielt, die für ihn die wahren Wohnzimmer waren. Achternbusch wird gern mit Karl Valentin verglichen, man nennt ihn das letzte bayerische Originalgenie. Und vielleicht muss man aus dem Freistaat kommen, um sein Aufbegehren gegen die konservativen Beharrungskräfte der Bierzelte in seine unbeirrbaren Hartnäckigkeit würdigen zu können. Standgehalten hat er den ganzen Anfeindungen mit einem lakonischen Humor, der auch ihn selbst nicht schonte. In Filmen wie "Bierkampf" oder "Der Komantsche" betrieb er so etwas wie eine Ethnologie des finsteren bayerischen Alltags. Großen Publikumserfolg konnte das Multitalent so nicht erringen. Herbert Achternbusch ignorierte ästhetische Konventionen, verweigerte Erzähl- und Sprachlogik, mischte Komik und Verzweiflung zu einem schmerzhaften Gebräu. Er nahm sich die Freiheit, die Schrecken der Vergangenheit ins Absurde kippen zu lassen. Nun ist er gestorben. Das Leben hatte ihm am Ende keinen Spaß mehr gemacht. "Ich mach gar nix mehr", erklärte er 2014 in einem Interview. Er wurde 83 Jahre alt.