Beispiel Freiburg

Mobbing an Schulen: So grausam können Kinder sein

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Mi, 25. November 2015 um 14:44 Uhr

Freiburg

Wenn Schüler einen Mitschüler über einen längeren Zeitraum schikanieren, spricht man von Mobbing. Wohin das führen kann, zeigt der Fall des 15-jährigen Gymnasiasten Lukas M. aus Freiburg.

Stifte eines Schülers verschwinden, sein mitgebrachtes Pausenbrot findet sich im Müll wieder, haltlose Gerüchte über ihn werden gestreut: Wenn Schüler einen Mitschüler über einen längeren Zeitraum schikanieren, spricht man von Mobbing. Wie viele Fälle es in Freiburg gibt, können die Beratungsstellen nicht sagen, die Dunkelziffer ist groß, Erhebungen gibt es nicht. Und in der Statistik der Polizei ist Mobbing nicht als eigene Straftat erfasst – es kann Sachbeschädigung und Beleidigung, Körperverletzung und üble Nachrede, Nötigung und Diebstahl sein.
Lukas M. (Name von der Redaktion geändert) war alles andere als ein Opfertyp. Der 15-Jährige war ein guter Schüler, der in die neunte Klasse eines Gymnasiums in der Stadt ging. "Er war ein lieber, netter, überaus hübscher Junge, der Schwarm aller Mädchen, null der Außenseitertyp", erinnert sich Silke Hewelt. Nie im Leben, sagt die psychologische Schulberaterin, hätte man geglaubt, dass so jemand gemobbt werde. Bis heute ist der Psychologin und Pädagogin ein Rätsel, warum fünf Mitschüler Lukas plötzlich auf dem Kieker hatten. Silke Hewelt überlegt, rekapituliert in Gedanken noch einmal die Ereignisse. "Ich kann wirklich nicht sagen, was der Auslöser war."

"Die Motive, jemanden zu mobben, sind sehr unterschiedlich", sagt der Schulpsychologe Andreas Sieburg von der schulpsychologischen Beratungsstelle des staatlichen Schulamts Freiburg, und mitunter eben auch nebulös. Es können die schiere Lust am Quälen oder der Wunsch nach Prestigegewinn in der Gruppe sein. Oder Frusterlebnisse, die ein Ventil brauchen. Oder ganz banale Dinge, Langeweile oder die Suche nach Zerstreuung.

"Das ist eine sehr sensible Phase mit vielen Veränderungen." Silke Hewelt über die Pubertät
Mobbing an Schulen ist ein sehr komplexes Problem, sagen die Experten. Es tritt in vielen Formen auf. Ein Schüler gerät ins Abseits oder kann, wenn er neu in der Gruppe ist, nicht Fuß fassen. Über längere Zeit wird auf ihn starker Druck ausgeübt. Egal, was er tut, egal, ob er sich raushält, anpasst und alles richtig zu machen versucht, es wird ihm alles negativ ausgelegt. "Er kann sich gar nicht mehr richtig verhalten, weil manche in der Gruppe das gar nicht zulassen wollen", sagt Schulpsychologe Sieburg. Ein Mobbingopfer kann sich nicht aus eigener Kraft aus der schwierigen Drucksituation befreien. Das kann sogar soweit führen, dass sie als ausweglos empfunden wird. "Perspektivlosigkeit kann je nach Situation mit einer Person vieles machen" – bis hin zu Depression, Angst und Gewalt gegen andere oder sich selbst.

Gehäuft kommt Mobbing in der Pubertät vor. "Das ist eine sehr sensible Phase mit vielen Veränderungen", weiß Silke Hewelt. Der Jugendliche versucht, seine Rolle und Position in der Gemeinschaft zu finden, beliebig aussuchen kann er sie sich nicht – Schule ist eine Art Zwangsgemeinschaft.

Nicht alle Lehrer erkennen die Mobbingsituation

Bei Lukas fing es mit Kleinigkeiten an: mit abfälligen Bemerkungen. Oft ist es so, dass Mobbing vermeintlich harmlos beginnt, ohne Gewalt, mit Lästereien, Sticheleien, falschen Gerüchten, die in die Welt gesetzt werden, um jemanden zu diskreditieren. Es betrifft alle Schularten und Schüler aller sozialen und in allen Bildungsschichten, Jungen genauso wie Mädchen, sagen Experten.

Natürlich, weiß Sieburg, sind oft die Schwächeren – diejenigen, die sich nicht gut wehren können – leichtere Zielscheiben. "Aber letztendlich kann jeder Opfer werden, egal ob er dick oder dünn, klug oder dumm ist." Oft sei es schwierig zu sagen, das Opfer habe keinen Anteil daran. Es gebe auch Kinder, die früher Opfer waren und dann Täter wurden – und umgekehrt. Jeder gehört irgendwann einmal nicht zum Mainstream, sagt Psychologe Sieburg, der Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleiter berät. Experimente in der Psychologie zeigen, wie schnell jeder auf beiden Seiten die Rollen einnehmen kann; da brauche es gar keine besonderen Charakterzüge. Der 38-jährige Psychologe probiert das bei Lehrerfortbildungen gern in Rollenspielen aus: "Es ist überhaupt nicht schwer, eine mobbingähnliche Situation herzustellen", sagt Sieburg. "Da reichen wenige Minuten, um eine Dynamik zu provozieren, die auch im Rollenspiel von Unterlegenen selten als angenehm erlebt wird."
Bald schon nahmen die Drangsalierungen zu. Weil er von der Gruppe abgelehnt wurde und nicht wusste warum, wurde Lukas zunehmend verunsicherter. Manche sind stark genug, sich zu wehren und betrachten es sogar als Herausforderung, weiß Sieburg. Nicht so Lukas. Hinzu kam: Niemand aus der Klasse stand ihm öffentlich bei. "Er hatte Freunde, aber die haben sich nicht gegen diese Gruppe gestellt", sagt Hewelt. Irgendwann hätten die Mitschüler die Schikanen als normal hingenommen, sie selbst betraf es ja nicht. Andreas Sieburg sieht darin die Gefahr, dass Mitläufer verinnerlichen, dass dies etwas Normales sei, und sich wegduckten, anstatt Zivilcourage zu zeigen. Zum Teil lag die Passivität der anderen auch daran, dass die gravierenderen Schikanen im Verborgenen passierten, ohne Zeugen. Dann wurden Lukas’ Sachen beschmutzt oder versteckt. Dann wurde er von der Gruppe geschubst oder ins Klo eingeschlossen.

Da Mitschüler Angst haben, selbst in den Fokus der Mobbenden zu geraten, sei es wichtig, dass sich Erwachsene einklinken, erklärt Psychologe Sieburg. Aber nicht allen Lehrern fällt eine Mobbingsituation in der Klasse auf, eben weil sich vieles nicht vor den Augen anderer abspielt. Lukas’ Lehrerin wurde die schwierige Lage jedoch bewusst, sie holte sich Hilfe bei Schulpsychologin Hewelt.

Einen Fall mit einem Mobbingopfer und einer ganzen Täter-Gruppe zu klären, ist nicht einfach. Oft steht wie in Lukas’ Fall die Aussage des Einzelnen gegen die Aussagen mehrerer. "Man muss dem Betroffenen auf jeden Fall Glauben schenken", sagt Hewelt. Fatal wäre, zu sagen, etwas könne gar nicht passiert sein. Wichtig sei, mit allen Beteiligten zu sprechen, und zwar einzeln. Dabei müsse man zunächst neutral bleiben und versuchen zu vermitteln. Oft ist gar nicht einfach herauszufinden, was wirklich passiert ist. Und nicht immer entsprechen die geschilderten Darstellungen der Wahrheit. "Es ist natürlich leichter, wenn man klare Aussagen und Zeugen hat", weiß Silke Hewelt. Wenn die Fakten eindeutig sind, müsse man sie öffentlich machen, sagt die Psychologin: "Aber natürlich nur, wenn der Betroffene zustimmt."
» Genau das war das Problem in Lukas’ Fall: Er hatte Angst vor jeglicher Öffentlichkeit, wollte weder mit seinen Peinigern sprechen noch, dass vor der restlichen Klasse über ihn diskutiert wird oder jemand gegenüber den Tätern für ihn eintritt. Er wollte mit seinem Problem anonym bleiben. "Er hätte in der Klasse keinen Ton gesagt", glaubt Silke Hewelt. So griff die Lehrerin zu einem Kniff: Sie baute das Thema in den Unterricht ein – nicht konkret auf Lukas bezogen. Literatur und Rollenspiele in der Theater AG halfen ihr dabei. Parallel sprach die Lehrerin auch allein mit Lukas, gab ihm den Rat, die Psychologin aufzusuchen, und zwar in der Beratungsstelle, wo die Mitschüler nichts mitbekommen. "In der Schule wäre die Sichtbarkeit zu groß gewesen, das hätte ihm zum Nachteil gereicht", sagt Silke Hewelt. In der Beratung brauchen die Emotionen von Betroffenen und ihren Bezugspersonen Raum. Aber auch andere Aspekte sind sehr wichtig. Gerade dabei können neutrale Berater hilfreich sein. So können, sagt Sieburg, neue Perspektiven und Ansätze entdeckt werden, die der betroffene Schüler und seine Eltern bislang vielleicht noch gar nicht wahrgenommen haben.

Silke Hewelt ist im Regierungspräsidium (RP) für die Prävention zuständig; 30 Präventionsbeauftragte zählt das RP. Prävention bedeutet, für Schutzmechanismen zu sorgen, damit etwas gar nicht erst vorkommt. Aber eine Ritterrüstung, wie sie sich Eltern für ihr Kind wünschen, gibt es nicht. "Jemanden zu einer Kämpfernatur zu machen, ist nicht so einfach", sagt Andreas Sieburg. Wichtig sei, dass sich die Schüler in einer neuen Klassen kennenlernen und gleich am Anfang gemeinsame Regeln im Umgang miteinander entwickeln und aufstellen – auch, was den Umgangston betrifft, erklärt Hewelt. Dazu gehört eine Kultur der Streitschlichtung, aber auch, klar zu machen, was passiert, wenn sich jemand nicht an diese Regeln hält.

Komme es dennoch zu Mobbing, muss man gegenüber den Tätern, sobald eindeutige Erkenntnisse vorliegen, konsequent auftreten, ihnen klar machen: "So nicht!", sagt Hewelt. Und man müsse sie dazu bringen, sich zu entschuldigen, und Wiedergutmachung einfordern. Ans Gewissen zu appellieren, reiche da oft nicht, glaubt Schulpsychologe Andreas Sieburg. Man könne aber auch versuchen, den Tätern nicht nur einen Riegel vorzuschieben, sondern sie auch mit einzubeziehen, ihnen alternative Rollen anzubieten, über die sie sich positiv definieren können, "allerdings nicht mehr auf Kosten anderer". Ein zweischneidiges Schwert sind laut Sieburg Sanktionen: Wenn Schüler sich fortwährend über schulische Regeln hinwegsetzen, können sie auch erwogen werden, allerdings muss ein differenziertes Vorgehen abgewogen werden.
In Lukas’ Klasse fand irgendwann ein Umdenken statt. "Es ist natürlich nicht von heute auf morgen besser geworden", sondern dauerte viele Monate, erinnert sich Hewelt. Dass Lukas am Ende – als es besser geworden war – doch die Schule gewechselt hat, bedauert die Psychologin. Genau das zu vermeiden, sei das Ziel. Manchmal, wenn das Opfer mit den Kräften am Ende ist und eine gute Lösung Zeit braucht, sei es aber eine bedenkenswerte Notlösung, sagt Sieburg.
Der 15-jährige Lukas M. wollte am Ende von sich aus die Schule verlassen. Immerhin, sagt die Psychologin und Pädagogin Silke Hewelt, sei er mit dem Gefühl gegangen, es habe sich für ihn etwas bewegt, verändert, verbessert. Bedenklicher wäre es gewesen, die Schule zu wechseln, ohne Aufmerksamkeit für seine Lage erfahren zu haben.


Hintergrund: Mobbing und Cybermobbing

Eine große Rolle spielen heutzutage natürlich Smartphones, soziale Medien und generell das Internet, im Positiven (zum Beispiel bei Hilfsinitiativen) wie im Negativen. Ein Teil des Lebens von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen spielt sich in virtuellen Räumen ab. Deshalb ist der richtige Umgang damit – wie der Jugendliche das Internet nutzt, was er dort von sich in Text und Bild preisgibt – umso wichtiger. Der preisgekrönte Fernsehfilm "Homevideo" (2011), den das Freiburger Theater Radix unlängst auf die Bühne gebracht hat (die BZ berichtete), ist ein eindrückliches Beispiel dafür: Ein Junge filmt sich beim Onanieren, das Video gerät durch einen dummen Zufall in die Hände von Mitschülern und landet auf den Smartphones der halben Schule. Der weitere Verlauf ist verheerend. Die Botschaft: Das Internet merkt sich alles. Experte Andreas Sieburg von der schulpsychologischen Beratungsstelle des staatlichen Schulamts Freiburg glaubt aber auch, dass die Flut an Informationen und Angeboten dafür sorgt, dass das Internet zwar nicht vergisst, aber Dinge – so schrecklich sie für die einzelnen Betroffenen sind – auch wieder verblassen lässt. "Die ganz große Dramatik, der Stempel ‘gebrandmarkt fürs Leben’, ist es in den meisten Fällen zum Glück nicht", sagt Sieburg.

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