Momente zum Innehalten

Irene Bär

Von Irene Bär

Di, 16. April 2019

Kappel-Grafenhausen

Der Musikverein Grafenhausen beeindruckt sein Publikum beim Frühjahrskonzert, das unter dem Titel "Krieg und Frieden" steht.

KAPPEL-GRAFENHAUSEN. Mit einem schwierigen Thema haben sich die Musiker des Grafenhausener Musikvereins auseinandergesetzt. Das Frühjahrskonzert am Samstag stand unter dem Titel "Krieg und Frieden".

Vielen Menschen sei es nicht vergönnt, in Frieden, Sicherheit und Freiheit zu leben, erläuterte Philipp Köbele vom Vorstandsteam den Grund für die Wahl. "Nichts hat die Menschen so sehr geprägt und verstört wie Kriege", betonte er. Das Programm war entsprechend kontrastreich und spannend. Die Musiker vermittelten die vielfältigen Stimmungen ausdrucksstark und überzeugend. Wenig verwunderlich, dass es minutenlangen Applaus nicht erst am Schluss gab.

Gut zwei Stunden nach dem Ende des offiziellen Programms ließen die Musiker Luftballons in die Hallendecke steigen. Es dürften um die 99 gewesen, wie sie einst Nena besang. Krieg im ersten Teil stand für die Zerstörung, Leid, Flucht, Vertreibung und Armut. Beginn war mit der Hymne zu Ehren der Gefallenen ("Hymn to the Fallen"). Den Anfang gestalteten die Musiker mit verhaltenem und gedämpftem Trommeln, das in die Darstellung einer schwermütigen und zugleich würdevollen Stimmung zur Erinnerung an die Gefallenen mündete.

An die Hallendecke steigen 99 Luftballons

Auf der Bühne war hinter dem Orchester auf der Leinwand ein Bild eines Soldatenfriedhofs zu sehen. "Ich bin Sophie Scholl", kündigte Helena Sauter, die gemeinsam mit Raphael Hägle durch das Programm führte, das nächste Stück, "Das Geheimnis der weißen Rose – in memoriam Sophie Scholl", an. Das Stück war der Widerstandskämpferin zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur gewidmet, die gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und anderen im Alter von 21 Jahren von den Nazis hingerichtet worden war.

Das Leid des Krieges, das sich im Gesicht ihres Bruders Hans abzeichnete, die Gründung der Widerstandsbewegung und der Kampf gegen Krieg und Diktatur drückten sich aus in einem temporeichen und dynamischen Stück. Spannungsreich war der Kontrast zwischen dem Drama, in dem sich die Ereignisse zunehmend überschlagen, und ruhigeren Passagen. Der Schluss war wehmütig mit einem vagen Gefühl von Hoffnung.

"Erschrecken Sie nicht, wenn ein Hubschrauber zu nah an Ihnen vorbeifliegt", kündigte Raphael Hägle "Inchon" an. Hier ging es um die Landung der amerikanischen Streitkräfte an einem einsamen Strand in Südkorea, der die Wende im Koreakrieg in den 1950er-Jahren einleitete. Dafür waren zwölf Schlagzeuger mit unterschiedlichen Instrumenten im Einsatz, und zwar nicht nur auf der Bühne. Etwa in der Mitte der Halle und ganz hinten waren zwei große Pauken aufgestellt, an denen sich Musiker positionierten. Dem Spiel auf der Querflöte am einsamen Strand zum Meeresrauschen folgte das lauter werdende Knattern von immer mehr Hubschraubern, die heranfliegen. Es war Gänsehaut pur, die die Zuhörer zum Spiel von Trommeln und Pauken fühlten. Die Gebete der Menschen in den Tempeln wurde mit dem Spiel von Flöten, Glockenspiel und gezupften Seiten übersetzt, Xylophon und Trommeln waren im Hintergrund.

Höhepunkt war, als die zwölf Musiker an den Schlagwerken ihre ganze Batterie aufbrachten und den Kampf mit Trommeln, Pauken, Xylophon und Gong zeichneten. Den Schlusspunkt setzte das Abziehen der Hubschrauber, am Strand hörte man nur noch das Flötenspiel zum Meeresrauschen. Davon war das Publikum sichtlich beeindruckt. Vor dem stürmischen Applaus hielten alle in den Zuhörerreihen zunächst inne.

Lang nicht mehr so bedrückend war der zweite Teil. Aaron Copelands "Fanfare the common man" spielten die Musiker in einer äußerst fetzigen Bearbeitung. Hier waren vor allem die Blechbläser in vollem Einsatz. An die sogenannten goldenen 1920er-Jahre in Berlin erinnerten die Musiker mit dem beschwingten "Jazzin’ it up", hier gaben die Saxofonspieler das Thema vor. Das spielten die Musiker zu Ehren von Gabriele Hertweck aus dem Vorstandstrio. Sie war in einer vorangegangenen Hauptversammlung als erste Frau zum Ehrenmitglied ernannt worden. Das Stück hatte sie sich als Dankeschön gewünscht.

"Love and Peace" war mit einem Medley von Joe Cockers Liedern angesagt. Stücke wie "With a little help from my friends" hatte er beim Woodstock Festival gesungen. Begeistert waren die Zuhörer vom Solo eines Schlagzeugtrios beim Lied "Mackie Messer". Der Clou war, dass sie ihr Solo auf Holzstühlen trommelten, zwischendurch steppten und klatschten.

Den Abschluss des offiziellen Programms markierte Flower Power-Kompositionen aus den 60ern, es war ein Medley aus den "Streets of San Francisco", "Aquarius" und "Let the sunshine in".

Ehrung für 50 Jahre Mitgliedschaft

Zwischen den beiden Teilen des Konzerts wurde Helmut Seilnacht für 50 Jahre Mitgliedschaft mit der großen Goldenen Ehrennadel geehrt. "Das schaffen nur wenige", sagte Philipp Köbele in seiner Laudatio. Er würdigte Seilnacht, der das Flügelhorn spielt, auch wegen seiner Verdienste für den Verein: Der aktive Musiker war fast drei Jahrzehnte lang im Vorstand und engagiert sich auch bei Arbeitseinsätzen. "Menschen wie dich machen einen Verein aus", lobte Köbele.