Guinnessbuch-Rekord

Mountainbiker Kai Saaler aus Hasel scheitert knapp an 24-Stunden-Weltrekord

Stefan Ammann

Von Stefan Ammann

Do, 20. Juni 2019 um 17:59 Uhr

Hasel

Der Extrem-Sportler wollte 18.304 Höhenmeter in 24 Stunden schaffen - und scheiterte. Ein Guinnessbucheintrag ist ihm wohl trotzdem sicher. Hunderte Menschen feierten den Ultra-Biker.

Mindestens 18 304 Höhenmeter wollte Kai Saaler mit dem Mountainbike in 24 Stunden erklimmen. Die Aktion war trotzdem ein riesen Erfolg. Zum einen wird er sich wohl trotzdem ins Guinnessbuch der Rekorde eintragen dürfen. Zum anderen konnte er eine stattliche Summe Geld für die Lörracher Amsel Initiative sammeln, die sich für Menschen mit Multiple Sklerose einsetzt. Insgesamt fast 2000 Menschen unterstützten und feierten den Extrem-Sportler bei seinem Rekordversuch.

Start zum Weltrekord

Ein letztes Mal voll konzentrieren, dann startet Kai Saaler am Mittwoch punkt 15 Uhr unter großem Jubel seiner Fans zu seinem Weltrekordversuch. 18.304 Höhenmeter – das ist mehr als zwei Mal auf den Mount Everest – will der Ultra-Biker aus Hasel in den nächsten 24 Stunden schaffen. Die Strecke liegt an der Wehratalsperre und ist etwa 1,3 Kilometer lang. Allerdings hat der Waldweg auf dieser kurzen Distanz eine Steigung von 122,87 Höhenmetern. Nach ziemlich genau sieben Minuten erscheint Saaler das erste Mal wieder hinter der Wegbiegung. Damit liegt er sehr gut in der Zeit: Neun Minuten hatte er pro Runde veranschlagt – sieben pro Aufstieg, zwei für die Abfahrt. Unter lauten Anfeuerungsrufen wendet er an der Talstation, dann geht’s erneut den Berg hoch. Jetzt gilt es, die gleiche Strecke bis Donnerstag, 15 Uhr, mindestens weitere 152 Male zu schaffen.



Auch die Psyche spielt eine Rolle

Beim Gespräch mit der BZ kurz vor dem Start wirkt der Ultra-Biker entspannt, aber fokussiert. Ob ihm die Hitze – an der Wehratalsperre hat es über 30 Grad – Probleme bereitet? "30 Grad ist natürlich nicht das Top Wetter für so einen Versuch, aber lieber das als nass und kalt", sagt Saaler. Wird er den Rekord schaffen? "Das ist immer schwierig zu sagen vor einem Rennen. 24 Stunden sind lange. Auch die Psyche spielt eine Rolle. Wenn nichts schief geht, kann ich den Rekord angreifen", äußert er sich vor dem Rekordversuch vorsichtig optimistisch. Am Material und Unterstützung wird es jedenfalls nicht mangeln. Sein Bike ist eine Maßanfertigung und mit nur 6,1 Kilo so leicht, dass es mit einem Finger angehoben werden kann, erklärt Saalers Pressesprecher André Huber. Auf den Reifen ist wenig Profil, um den Reibungswiderstand gering zu halten. Saaler wird während des Rekordversuchs etwa 18 000 Kalorien verbrennen. Er ernährt sich dabei von Sport-Gel und Power-Riegeln, die ihm sein Support-Team in kleinen Stücken aufs Rad reicht. Wichtiger jedoch ist Flüssigkeitszufuhr. Alle drei Runden bekommt er eine Trinkflasche gereicht. Darin ist unter anderem Ingwerextrakt, das den Magen bei dieser extremen Belastung beruhigt.

Anspruchsvolle Strecke

Die Strecke ist für so einen Rekordversuch anspruchsvoll. Nicht nur die Aufstiege sind anstrengend, auch bei den Abfahrten mit bis zu 70 km/h muss sich Saaler voll konzentrieren. Er zeigt Abschürfungen an seinen Ellenbögen, die er sich bei einem Sturz während eines 12-Stunden-Trainings nachts auf der Strecke zugezogen hat. Der Guinnessbuch-Rekord war Saaler übrigens schon vor dem Start sicher. Die Aktion ist der erste Rekordversuch überhaupt, der unter strengen Bedingungen stattfindet. Damit der Rekord vom Guinnessbuch anerkannt wird, muss der Versuch detailliert beantragt und aufgezeichnet werden. Die Weltrekordmarke von 18.304 Höhenmetern, die Slim Gamh-Drid aus Singen-Bohlingen am Bodensee 2016 aufgestellt hatte, ist hingegen nicht offiziell vom Guinnessbuch anerkannt. Gamh-Drid habe ihm auch bei der Vorbereitung wichtige Tipps gegeben, erklärt Saaler. Man kennt und hilft sich in der kleinen Ultra-Biker-Szene. "Mir geht es sowieso nicht so sehr um den Rekord, sondern um den wohltätigen Zweck", betont Saaler. Der Extrem-Sportler will mit der Aktion Spenden für die Amsel Initiative Lörrach sammeln, die sich für Menschen mit Multiple Sklerose einsetzt. Eine Vielzahl von lokalen Sponsoren und Vereinen aus Hasel, Wehr und Schopfheim unterstützt das Event.

Gut im Rennen um Mitternacht

Es ist kurz nach Mitternacht. Die Luft hat deutlich abgekühlt, aber es ist immer noch warm. Der Festplatz neben der Strecke ist auch zu dieser Stunde gut gefüllt. Viele Weggefährten und befreundete Sportler sind gekommen. Von den Fans an der Strecke wird Saaler jedes Mal frenetisch gefeiert, wenn er sich in der Dunkelheit den Berg hoch quält oder bei einer Abfahrt vorbeidüst.

Er ist jetzt in seiner 64. Runde und hat nach acht Stunden Fahrt 7.860 Höhenmeter geschafft. Seine Zeiten sind mit 9:30 Minuten pro Runde zwar etwas langsamer geworden, aber er ist immer noch gut im Soll. Ob Saaler das durchhalten kann? Wenn man seine Fans fragt, bekommt man fast immer die gleiche Antwort: "Er ist gut trainiert und weiß, was er tut. Aber es darf natürlich nichts schief gehen." Zum Helferteam, das die ganze Nacht ausharrt, gehört auch seine Schwester Eva Saaler. Sie weiß, was es bedeutet, ihren Bruder bei einem 24-Stunden-Rennen zu unterstützen. Dieses Jahr ist er Deutscher Mountainbike-Meister über diese Zeitdistanz geworden. 2018 war er in Ligurien siegreich. Dort hat er schon mehr als 14.000 Höhenmeter zurückgelegt. "Ohne Team geht das nicht, denn er ist ja wirklich einen ganzen Tag nur auf dem Fahrrad", erklärt Eva Saaler. Wie sie sich selbst wachhält? "Mit ein bisschen Kaffee oder Cola und ab und an einem kurzen Power-Schläfchen geht das inzwischen ganz gut", verrät sie.

Nach und nach zucken immer mehr Blitze am Nachthimmel. "Etwas Regen wäre jetzt vielleicht gar nicht so schlecht. Aber bitte nicht zu viel, sonst weicht die Strecke auf und der Kraftaufwand wird enorm", sagt ein fachkundiger Zuschauer.
Mehr Bilder vom Rekordversuch gibt’s hier

Rekord knapp verpasst

Nachts um drei stellt Saaler – quasi nebenbei – den 12-Stunden-Rekord mit 9.774 Höhenmetern auf. Am Donnerstagmorgen wird klar: Er kann es noch schaffen mit dem 24-Stunden-Weltrekord, aber es wird sehr knapp. In der Nacht hat es teils heftig geregnet, die oberste Kurve hat sich in ein Matschfeld verwandelt. "Bis um 3 Uhr lief’s großartig. Aber dann kam das Gewitter. Am Morgen sind seine Rundenzeiten wieder besser geworden", sagt André Huber. Um 14 Uhr wird klar: Saaler wird die 18.304-Meter-Marke nicht knacken. Den Zuschauern ist das egal. Sie feiern ihren Star und seine überragende Leistung. Inzwischen sieht man ihm die Strapazen an. Andere würden wohl abbrechen, zumal der Guinnessbucheintrag ja schon sicher ist. "Er hat zu mir grade gesagt, dass er sich noch nie in seinem Leben so kaputt gefühlt hat. Aber Aufgeben ist für Kai nie eine Option", erklärt seine Freundin Tamy Walter.

Als er um 15 Uhr die Zielmarke überfährt, hat Kai Saaler exakt 17.391,71 Höhenmeter geschafft. Ein Spalier jubelnder Menschen begleitet ihn zur Festbühne, wo er wie ein Rockstar gefeiert wird. "Das ist ja Wahnsinn, ich kann’s gar nicht glauben, dass ihr alle gekommen seid", ruft er ins Publikum. Ob Saaler die Bestmarke wirklich ans Guinnessbuch schicken wird, will er erst noch mit dem inoffiziellen Weltrekordhalter Slim Gamh-Drid besprechen. "Es ist eine Menge Geld für den guten Zweck zusammengekommen. Das war heute das Entscheidende", freut sich Kai Saaler müde aber sichtlich glücklich.
Spenden

Alle, die nicht beim Rekordversuch dabei sein konnten, aber dennoch für die Lörracher Amsel Initiative, die sich für Menschen mit Multiple Sklerose einsetzt, spenden möchten, können dies mit dem Verwendungszweck "24h Rekord" auf folgendes Konto tun:

VR Bank Schopfheim
IBAN : DE55 6839 1500 0060 5569 03
BIC : GENODE61SPF