Bürgerinitiative

Müllheimer protestierten im Rathaus gegen Holzfällarbeiten im Eichwald

Volker Münch

Von Volker Münch

Do, 24. Januar 2019 um 19:18 Uhr

Müllheim

Der Widerstand wächst: Eine neuformierte Bürgerinitiative hat vor einer Gemeinderatssitzung demonstriert. 50 Müllheimer forderten den sofortigen Stopp der Fällarbeiten im Eichwald.

Der Widerstand gegen das Vorgehen von Stadtverwaltung und Forst in Sachen Naturverjüngung im Eichwald formiert sich: Eine vor wenigen Tagen aus dem Boden gestampfte Bürgerinitiative fordert den sofortigen Stopp der Hiebarbeiten im Eichwald. Bei einer Demonstration vor der Gemeinderatssitzung am Mittwochabend am und im Rathaus wurde die Forderung von etwa 50 Teilnehmern plakativ unterstützt. In der Ratssitzung erklärte die Bürgermeisterin, dass der planmäßige Vollzug fortgeführt werde. Quer durch die Fraktionen wurde allerdings ob des Ergebnisses Kritik laut.
Hintergrund: Die Fraktion ALM/Bündnis 90 Die Grünen spricht von einem "Orkan" der im Müllheimer Stadtwald gewütet habe. Die Stadtverwaltung wehrt sich: Es werde keine Raubbau betrieben.

Der Aufschrei in der Bürgerschaft angesichts der Holzfällarbeiten im Eichwald wird augenscheinlich immer lauter. Mittlerweile haben sich zahlreiche Bürger zu einer Bürgerinitiative zusammengefunden, die ein Umdenken bei der Waldbewirtschaftung fordern und – ganz akut – einen Stopp der Fällarbeiten verlangen.

Unterstützung erhält die Initiative von der in Vögisheim lebenden Diplom-Forstwirtin und promovierten Forstwissenschaftlerin Beate Kohler, die einige Jahre lang unter anderem an der Universität Freiburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte im Bereich "Bildung für nachhaltige Entwicklung" arbeitete. "Mittlerweile hat die Initiative mehr als 450 Unterschriften gesammelt. Und es werden jeden Tag mehr", erzählte die Forstwissenschaftlerin. Das Thema beschäftige die Menschen angesichts der Forstarbeiten in den vergangenen Jahren immer stärker.

Noch fehlt es der Bürgerinitiative an Struktur, dafür setzten sie mit der Demonstration ein erstes sichtbares Zeichen. "Rettet die alten Bäume!", "Rettet den Eichwald" oder "Wir fordern sofortigen Stopp der Fällungen" war unter anderem auf den Plakaten und Bannern zu lesen. Für die Gemeinderäte gab es entsprechende Flugblätter. Die Demonstranten fordern als neues Ziel, den Eichwald als Naherholungsgebiet statt als Wirtschaftswald zu betrachten.

Als Erholungsschwerpunkt zu wenig berücksichtigt?

"Wir Müllheimer Bürgerinnen und Bürger fordern von der Stadt- und von der Forstverwaltung den Schutz der Alteichenbestände sowie eine deutliche Reduzierung der geplanten Hiebe!", steht auf einem weiteren Infoblatt. Dort sprechen die Gegner von einer "radikalen Verjüngungskur", bei der in den kommenden 30 Jahren auf etwa 64 Hektar Altbestände gefällt und durch Jungpflanzen ersetzt werden sollen. Ferner geht die Bürgerinitiative davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren über 30 Prozent mehr Holz eingeschlagen werden soll. Die Gegner stellen mit dem Flugblatt die These auf, der Eichwald habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Erholungsschwerpunkt entwickelt, das sei aber bei der jüngsten Planung kaum berücksichtigt worden.

Forstwissenschaftlerin Kohler legt Wert darauf, das Thema auf fachlicher Ebene zu diskutieren, fordert allerdings auch eine andere Prioritätensetzung: "Wir würden im Eichwald einen stärkeren Fokus auf Waldbesucher, auf die Freizeitfunktion und den Aspekt Gesundheitsförderung legen." Aber auch bei der Herausnahme der Eichen wäre aus ihrer Sicht eine zeitliche Streckung für den Wald und seine Nutzer verträglicher. Gerade alte Eichen seien wertvolle Habitate für seltene Tierarten.

Bürgermeisterin erteilte sofortigem Stopp eine Absage

Ein entsprechendes Beispiel gibt es nach den Recherchen von Beate Kohler im Gundelfinger Wald, wo alte Eichenbestände geschont würden und dort die seltene Bechsteinfledermaus heimisch sei. Dort gab es sogar eine entsprechende Empfehlung des Regierungspräsidiums, auf keinen Fall ältere Eichen und Buchen zu fällen. Diese Praxis sei bereits seit 30 Jahren gängige Praxis im Gundelfinger Forst. Ein Eingriff bei den Buchen sei sinnvoll, bestätigte Kohler. Anstatt aber neue Kahlflächen zu erzeugen, fordert sie die Nachpflanzung auf Waldflächen, die, wie sie sagt, teils seit Jahren leer stehen.
"Hambi-Fledermaus" in Gundelfingen: Die Fledermausart, wegen der das Abholzen im Hambacher Forst vorerst gestoppt wurde, ist in Gundelfingen stark verbreitet. Das ist auch das Verdienst des Försters, der jetzt in Ruhestand geht.

Zwar habe der Gemeinderat bei der Verabschiedung des Forsteinrichtungswerks die heutige Vorgehensweise beschlossen. Nachdem aber quer durch alle Fraktionen Vorbehalte auszumachen seien, sollte sich die Stadtverwaltung einem erneuten Dialog öffnen, forderte die Forstwissenschaftlerin.

"Auch unter klimatischen Gesichtspunkten ist das eine Sauerei." Myriam Egel
Das allerdings schloss Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich in der jüngsten Sitzung aus, bestand wegen der geltenden Beschlusslage auf die Fortführung der Fällarbeiten und erteilte dem sofortigen Aussetzen der Forstarbeiten entsprechend dem ALM/Die Grünen-Antrag eine Absage. Sie sagte allerdings zu, in der nächsten Sitzung alle offenen Fragen zum Forsteinrichtungswerk von den Forstfachleuten erläutern zu lassen. Es geht um den Erhalt des Eichwaldes und den Kampf gegen die Buche, die den Eichen den notwendigen Lebensraum nehme.

Beigeordneter Günter Danksin ergänzte, der Gemeinderat habe vor dem Beschluss des Forsteinrichtungswerks – es beschreibt die Bewirtschaftung des Waldes für einen Zeitraum von zehn Jahren – intensiv diskutiert. Weil zurzeit ideale Witterungsverhältnisse bestünden, wolle man die kommenden 14 Tage die festen Böden für die schweren Forstmaschinen nutzen. Er verwehrte sich gegen die Behauptung, der Wald würde leer geräumt. "Das ist eine Unterstellung", betonte er.

"Es ist halt auch ein Nutzwald." Armin Imgraben
"Rechtlich mag das alles exakt sein. In der Praxis sieht das aber nun ganz anders aus. Warum geht es nicht ohne Kahlschläge auf großen Flächen", so Harald Märkt von der CDU-Fraktion. "Die Forstfachleute rechnen aus, was aus dem Wald herausgeholt werden kann", kritisiert ALM/Die Grüne-Fraktionssprecher Martin Richter. Und Myriam Egel von der SPD-Fraktion bemerkte: "Wir hatten damals schon um eine schonende Handhabung entlang der von Besuchern genutzten Waldwegen gebeten. Auch unter klimatischen Gesichtspunkten ist das eine Sauerei." Abmildernd stellte Armin Imgraben von den Freien Wählern fest: "Rein optisch ist das Ergebnis sicherlich schwierig. Aber es ist halt auch ein Nutzwald."