Musikalische Türöffner ins Märchenreich

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mi, 21. August 2019

St. Peter

Thomas Ospital feiert erneut Konzerttriumph an der Orgel in der Barockkirche von St. Peter.

ST. PETER. Schon vor zwei Jahren erntete der damals 27-jährige Thomas Ospital wahre Beifallsstürme bei den Internationalen Orgelkonzerten in der Barockkirche in St. Peter. Er bestach damals vor allem durch jugendliche Frische und mutige Interpretationen. Man konnte also beim jüngsten Konzert gespannt sein, ob und wie er sich seither entwickelt hat.

Sein Eröffnungstitel "Präludium und Fuge Es-Dur" von Johann Sebastian Bach erlaubte gleich einen direkten Vergleich mit Johannes Ebenbauer aus Wien, der vor zwei Wochen mit derselben Komposition an selber Stelle eröffnet und großen Gefallen gefunden hatte.

Thomas Ospital legte das Präludium noch festlicher und variantenreicher in den Klangfarben an, bei dem sich Johann Sebastian Bach angeblich an der Dreifaltigkeit orientierte. Die anfangs elegische Fuge setzte sich bei Thomas Ospital im Verlauf sehr munter fort, und er verlieh ihr dadurch mehr Leichtigkeit.

Es folgte die "Cinquième sonate en trio", ebenfalls von Johann Sebastian Bach. Das Vivace mutete unter den leichten und flinken Händen von Ospital wie ein lustig hüpfender Kindertanz an, gefolgt von einem geheimnisvoll verschlossenen, nach innen reflektierenden Largo. Im Allegro-Schlusssatz entfachte Ospital einen erregten Disput zwischen Manualen und Pedalen, in dem Pro und Contra ungestüm aufeinander folgten. Schon an dieser Stelle offenbarte sich die durchgängig klare Linie als eine große Stärke dieses noch jungen Künstlers.

Im "Adagio und Fuge KW 546" von Wolfgang Amadeus Mozart in einer Bearbeitung von Jean Guillou kam dies noch stärker zum Ausdruck. Den Verlauf dieser in sich widersprüchlichen Komposition könnte man als musikalische Beschreibung der Erlebnisse von Odysseus und seinen Gefährten in der Höhle des einäugigen Zyklopen Polyphem begreifen. Das Donnern und Wüten des Riesen, die Todesgefahr der Seefahrer und die schlaue Überlistung – all dies drückte das Orgelspiel des katalanischen Meisters aus.

Zweifellos den Höhepunkt des Konzerts formten die fünf Stücke der märchenhaften Komposition "Ma mère l’Oye" von Maurice Ravel. Das erste, an Dornröschen angelehnte Stück fungierte als einladender Türöffner in das Märchenreich. Der kleine Däumling vermittelte dann die Ungetrübtheit der unschuldigen Kleinkinderwelt, um danach der Grünen Schlange Platz zu machen.

Fernöstliche Zimbeln und Harfen erklangen aus dem Tasteninstrument, und bei der Schönen und dem Biest zauberte Ospital nie gehörte Töne aus den Pfeifen, um das Monster adäquat zu charakterisieren. Der abschließende Feengarten blieb ambivalent wie das Feenvolk selbst. Der finale "Danse-Tarantelle styrienne" von Maurice Ravel in der Bearbeitung von Thierry Hirsch unterstrich noch einmal Ospitals außerordentliche Virtuosität und Klarheit in der Linien- und Tonführung. Bei höchst komplexen Pedalpassagen hörte man bei ihm an keiner Stelle irgendein gurgelndes Brummen. Kein Wunder, dass der Beifall in Ovationen aufbrandete und dem Maestro zahlreiche Vorhänge bescherte.