Die vergessenen Alten

Till Mayer

Von Till Mayer

Do, 13. Februar 2020

Ausland

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi setzt auf junge Gesichter und einen Neuanfang – die 11,3 Millionen Senioren und ihre Sorgen passen da weniger ins Bild.

101 Jahre zählt Iryna Bjenko-Schuls Leben schon. Einen Teil davon hält sie in ihren Händen, in einem dicken Fotoalbum mit Schwarzweißaufnahmen und verblichenen Farbbildern. Iryna Bjenko-Schul ist eine sehr gepflegte alte Dame, mit immer noch jungen blauen Augen. Geboren wurde sie, als das alte Europa endgültig zusammengebrochen war: im Jahr 1918. 44 Kilogramm wog sie bei 155 Zentimetern Körpergröße, als sie am 7. Mai 1945 im KZ-Außenlager Zwodau nahe Flossenbürg von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Ein schwarzer GI stand da vor ihr. Fast zwei Meter groß. "Ein richtiger Riese. Ich hatte noch nie zuvor einen so dunkelhäutigen Menschen gesehen", sagt die 101-Jährige.

Iryna Bjenko-Schul macht aus Zahlen Geschichte. Auf ihrem Sofa in ihrer bescheidenen Wohnung in einem Wohnblock aus Sowjetzeiten am Stadtrand von Lwiw, der Partnerstadt von Freiburg, kann man viel erfahren. Über ihre Ukraine, über Europa, über Träume und Freiheit. Letztere endete für sie als junge Frau abrupt.

1943 wurde sie in Lwiw verhaftet. Für die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) half sie, den Widerstand zu organisieren: vom Schreibtisch aus. Die Gestapo fand bei ihr Wechselscheine, über die der Finanztransfer der UPA lief. Die Scheine wurden im Untergrund gegen Zloty und Reichsmark getauscht. Die UPA hoffte zuerst auf das Deutsche Reich. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Nationalsozialisten keine unabhängige Ukraine auf ihrer Agenda hatten. So kämpfte die UPA einen Zweifrontenkrieg: gegen die Sowjets und gegen Nazi-Deutschland.

Die Rolle der UPA wird in der Ukraine unterschiedlich beurteilt. In Lwiw, im äußersten Westen des Landes, gelten ihre Mitglieder als Helden, die für eine unabhängige Ukraine kämpften. Vor allem im Osten der Ukraine sehen Kritiker die UPA lediglich als Verbündete der Faschisten. In Lwiw gelten die Rotarmisten für viele als Besatzer, im Donbass sind sie die Befreier. Eine unversöhnte Geschichtsschreibung, die bisher nur ansatzweise Platz ließ für eine gemeinsame Aufarbeitung. Schwerste Kriegsverbrechen gab es von allen Seiten, ihre Schatten reichen bis in die frischen Schützengräben in der Ost-Ukraine.

Iryna Bjenko-Schul kann dem Faschismus und Diktaturen nichts abgewinnen. Was mit ihr in der Zelle im Lwiwer Gefängnis geschah, deutet sie nur an. Dort folterte die Gestapo sie. Es muss schlimmer gewesen sein als ihre Haft in den Konzentrationslagern in Ravensbrück und dem Außenlager Zwodau. Iryna Bjenko-Schul verriet niemanden. Das ist etwas, das ihr keiner nehmen kann. Genauso wenig, wie ihr jemand helfen kann, die Schmerzen aus ihren Händen zu bekommen. Sie kommen regelmäßig, seitdem sie im Konzentrationslager schuftete. "Die eigene Macht zu missbrauchen, dafür gibt es keine Entschuldigung", sagt die alte Dame.

Nach Kriegsende verschwieg sie den Sowjet-Behörden ihre Gefangenschaft. In dem Chaos aus Umsiedlung und Nachkriegswirren kam sie damit durch. Unterstützung der UPA, das hätte sie unter Stalin vermutlich aus dem KZ direkt in den Gulag nach Sibirien gebracht. Die damals junge Frau beendete ihr Studium, arbeitete in der Leitung eines Landwirtschaftlichen Instituts und gründete eine Familie. "Vielleicht hätte ich der Sowjetunion eine Chance gegeben, wenn die Völker wirklich gleichberechtigt gewesen wären. Wenn die Ukrainer ihre Tradition und Sprache hätten leben dürfen. Aber die Russen dominierten die ganze UdSSR, so wie zuvor das Zarenreich", meint die ukrainische Patriotin.

1991, als die Ukraine unabhängig wurde, "da war meine Freude unendlich groß, so wie unsere Hoffnung", erinnert sie sich. Doch die 1990er-Jahre waren für die Menschen in der Ukraine wirtschaftlich ein grausamer Härtefall. "Aber endlich hatten wir unser Land zurück", sagt Iryna Bjenko-Schul. Machtmissbrauch lernte sie in den folgenden Jahren bei so manchem Präsidenten kennen. Die Korruption wucherte immer weiter. "Aber es gab auch Schritte in die richtige Richtung. In ein gemeinsames Europa."

Dass im Osten des Landes seit 2014 gekämpft wird, ist für die alte Dame schmerzhaft. Und jetzt wählte eine überwältigende Mehrheit einen Präsidenten, "der einen Präsidenten im Fernsehen gespielt hat", die alte Dame schüttelt den Kopf. "Ich kann noch nicht viel über Wolodymyr Selenskyi sagen. Aber ich befürchte, er hat unser Land nicht im Herzen", sagt Iryna Bjenko-Schul.

Im Nordwesten des Landes steht sie mit ihrer Meinung nicht alleine, hier konnte Selenskyi ausnahmsweise keine Mehrheit holen. In der Serie "Diener des Volkes" mimte Selenskyj einen Geschichtslehrer, der unvermittelt Präsident der Ukraine wird. Vielleicht wäre es gut, er wäre in Wirklichkeit einer. Denn viele Wunden, unter denen die junge ukrainische Gesellschaft leidet, geschahen in den vergangen 100 Jahren: Oktoberrevolution, Bürgerkrieg, der Holodomor, die große Hungerkatastrophe, die unter Stalin Millionen Ukrainern das Leben kostete. Zwei Weltkriege, Diktatur, Repression und der wirtschaftliche Fall nach ihrem Zusammenbruch.

Der jüngste Präsident in der noch jungen Geschichte der unabhängigen Ukraine setzt nun auf junge, unbelastete Gesichter. Bei seinen Abgeordneten in der Partei "Diener des Volkes" und im Kabinett. Oleksjij Hontscharuk, der neue Ministerpräsident, ist gerade einmal 35 Jahre alt. Nach den Jahren der schleppenden Bekämpfung der Korruption wollen die Menschen frischen Wind. Eines aber bleibt gleich zu den Vorgängern: Vergessen werden wie immer die Gesichter, in denen das Leben tiefe Falten zog. Das Heer der 11,3 Millionen Reiterinnen und Rentner. Zu ihnen zählen auch Katheryna (85) und Mariya Matuhura (81), die sich in Lwiw um den schwerst dementen Bruder Iwan (76) kümmern. Zusammen haben sie etwas mehr als 320 Euro Rente. Das ist deutlich mehr als die Mindestrente. Die liegt derzeit bei umgerechnet knapp 57 Euro. Zum 1. Dezember 2019 sind 2,61 Euro dazugekommen.

Heute kommt Rotkreuz-Schwester Nadya Masyuk zu Besuch. Sie gibt Spritzen und kontrolliert den Blutdruck. Das Gehalt der Schwester wird mit deutschen Spendengeldern durch den DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz finanziert, ebenso der Großteil der Medikamente für die Geschwister. "Eigentlich erhalten nur alte Menschen, die nur die Mindestrente beziehen, von uns kostenlose Medikamente. Aber hier sind so viele Krankheiten vorhanden. Und dann müssen die beiden Damen noch ihrem Bruder helfen. Da hat das Rote Kreuz eine Ausnahme gemacht", sagt Nadya Masyuk.

Kateryna Matuhura leidet an Bronchitis, Asthma, Polyarthritis, Diabetes und Blutdruckproblemen. Ihre Schwester hat Arthrose und Probleme mit dem Herzen, der Schilddrüse und den Augen. "Aber am meisten machen wir uns um unseren Bruder Sorgen. Es schmerzt, ihn so zu sehen. Er war als Ingenieur einst sehr gefragt. Als Spezialist half er bei dem Bau von Atomkraftwerken in Bulgarien und Indien. Sogar in Kuba war er. Und jetzt ist er völlig hilflos, versteht gar nichts mehr", sagt Kateryna Matuhura.

Wurst, Schinken und Käse sind für das Trio Luxus. Zum Monatsende reicht es nicht einmal mehr für die kleine Fleischbeilage im Borschtsch, der traditionellen Rote-Beete-Suppe. "Mein Gott, es reicht schon so zum Leben kaum aus", sagt Mariya Matuhura. Für die Medikamente bliebe kein Geld ohne funktionierende Krankenversicherung. "Keine Medikamente, das würde unerträglich mehr Schmerzen für die drei alten Menschen bedeuten", sagte die Schwester des Roten Kreuzes.

"Wir lieben unsere Ukraine", meinen die Schwestern. Doch so lange ein Krieg im Land die finanziellen Ressourcen frisst, wird sich für sie wohl wenig ändern. Ob der neue Präsident für die Alten aktiv wird? Die beiden Schwestern lachen leise: "Nein, er wird uns vergessen. Wie seine Vorgänger."

Spenden: DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz; Sparkasse Freiburg Nördlicher Breisgau; IBAN: DE50 6805 0101 0013 0894 89; Stichwort: Ukraine