Die Vertreibung der Juden aus den Alpen

Susanne Stiefel

Von Susanne Stiefel

Fr, 08. Oktober 2010

Ausland

In Nazi-Deutschland mussten auch die Alpen judenfrei sein. Das haben die organisierten Bergsteiger gerne verdrängt. Jetzt stellen sie sich der Geschichte.

Es trifft ihn, weil er der einzige Fuhrunternehmer im Ort ist. Einer muss die Leiche von Ginzling nach Mayrhofen karren. Alfons Klausner spannt seine Pferde ein, packt die Kiste auf den Wagen und macht sich auf den holperigen Weg vom Zemmgrund hinunter ins Zillertal. Es ist der September 1928 und in seinem Rücken hört der junge Mann bei jeder Unebenheit ein gruseliges Rumpeln in der Kiste, das ihm kalte Schauer über den Rücken jagt.

Er weiß, woher das Geräusch rührt. Es ist der Kopf des Juden, der in den Bergen unter mysteriösen Umständen gestorben ist, der abgetrennte Kopf, der bei jeder Unebenheit hin und her rollt. "Als mein Großvater zurückkam, brauchte er erst Mal ein paar Schnäpse", erzählt Rudolf Klausner. Der Enkel, den hier alle nur Rüdi nennen, ist heute Ortsvorsteher von Ginzling und er kennt die Geschichte gut, über die in dem kleinen Bergsteigerdorf kaum einer reden will. Manchmal ist Erinnerung die Hölle, aus der einen niemand erlösen kann.

Im September 1928 kommt der Rigaer Zahnarzt Max Murdoch Halsmann in den Tiroler Bergen zu Tode. Die schweren Kopfverletzungen deuten auf einen Mord hin. Die Leiche wird noch in den Bergen obduziert, der Kopf zur näheren Untersuchung abgetrennt, später im Gerichtsmedizinischen Institut von Innsbruck konserviert. Sein Sohn Philipp wird noch am selben Tag verhaftet, ihm wird in Innsbruck der Prozess gemacht. Anklage: Vatermord.

Ein Jude tötet seinen Vater. Das passt ins Weltbild im konservativen Tirol, das geprägt ist von Antisemitismus und dem Aufkommen ...

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