Ist das die Trendwende im Nahen Osten?

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Mi, 16. September 2020

Ausland

US-Präsident Trump besiegelt im Weißen Haus die Abkommen zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain.

. Den Washington-Reisenden vom Golf gab der saudische König Salman eine deutliche Mahnung mit auf den Weg. Er unterstütze eine "permanente und faire Lösung" für die Palästinenser, ließ der 84-Jährige nach einem Telefonat mit Donald Trump wissen. Zuvor hatte der US-Präsident den betagten Monarchen erneut bedrängt, sich den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) anzuschließen und die Beziehungen zu Israel zu normalisieren. Doch Salman blieb hart. Solange er in Saudi-Arabien das Zepter in der Hand hält, bleibt es bei der traditionellen Loyalität gegenüber den Palästinensern. Zu groß sind die Widerstände in der eigenen Bevölkerung, zu brisant ist der Vorwurf muslimischer Hauptrivalen wie Türkei und Iran, ausgerechnet die saudischen Treuhänder von Mekka und Medina würden ihre palästinensischen Glaubensbrüder verraten.

Um sich jedoch von dem ärgsten Trump-Druck zu entlasten, schickte das Königreich vor drei Tagen seinen kleinen Vasallen Bahrain vor. Dessen Außenminister Abdullatif bin Rashid al-Zayani setzte am Dienstag Seite an Seite mit seinem emiratischen Amtskollegen Abdullah bin Zayed im Weißen Haus seine Unterschrift unter die Verträge mit Israels Premier Benjamin Netanjahu. Seit saudische Truppen während des Arabischen Frühlings 2011 dem bedrängten sunnitischen Königshaus von Bahrain halfen, seine Macht gegen schiitische Massendemonstrationen zu verteidigen, ist der Zwergstaat weitgehend von den Saudis abhängig – politisch und finanziell.

Nach Ägypten 1979 und Jordanien 1994 brachen mit Bahrain und den VAE erstmals seit Jahrzehnten wieder Staaten aus der Front der Arabischen Liga aus, die bisher jede Normalisierung an eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israel und den Palästinensern koppelte. Wie weit diese Trendwende im Nahen Osten reicht, zeigte sich erst am Sonntag beim Treffen der Arabischen Liga in Kairo, als eine palästinensische Protestresolution keine Mehrheit mehr fand. Stattdessen mehren sich die Anzeichen, dass Staaten wie Oman, Kuwait und Sudan bald folgen könnten. Auch Katar, das im Golfkooperationsrat seit drei Jahren isoliert ist, arbeitet intensiv mit Israel zusammen, um den Gazastreifen mit Baumaterial, Treibstoff und Lebensmitteln zu versorgen.

Aus Saudi-Arabien kommen zumindest indirekte Signale der Entspannung. Vor einem Jahr reiste eine offizielle Delegation nach Israel, angeführt von dem Direktor eines außenpolitischen Think-Tanks aus Jeddah, einem ehemaligen General, der enge Beziehungen zum Herrscherhaus pflegt. Kürzlich gestattete das Königreich erstmals israelischen Passagiermaschinen Direktflüge über das Land. Ein Imam aus Mekka erinnerte bei seiner Predigt in der Großen Moschee an die Beziehungen des Propheten Mohammed zur damaligen jüdischen Gemeinde.

Nach Presseberichten will Marokko bald Direktflüge nach Tel Aviv einrichten. Umgekehrt appellierten irakische Juden, die in den sechziger Jahren nach Israel deportiert wurden, in einem offenen Brief an Iraks Ministerpräsidenten Mustafa al-Kadhimi, ihnen die irakische Staatsangehörigkeit zurückzugeben, damit sie wieder ihre frühere Heimat besuchen könnten.

Die Türkei und der Iran, die heute zu den schärfsten Kritikern der neuen Normalisierung gehören, waren 1948 die ersten muslimischen Staaten überhaupt, die Israel nach seiner Staatsgründung diplomatisch anerkannten. Der Iran, wo heute mehr Juden leben als in der gesamten Arabischen Welt, unterhielt bis zum Sturz von Schah Reza Pahlevi 1979 enge diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Tel Aviv.

Das Verhältnis zur Türkei, die mit Israel sogar gemeinsame Militärmanöver abhielt, verschlechterte sich erst, als die israelische Marine 2010 ein Solidaritätsschiff für Gaza angriff und neun türkische Aktivisten tötete. Gereizt reagierten Geschäftsleute aus Dubai dieser Tage auf die wütenden Proteste aus Ankara. "Schon möglich, dass wir hassen, was Israel den Palästinensern antut", sagte einer von ihnen. "Aber wir lassen uns nicht schulmeistern von einer Türkei, die seit Ewigkeiten Beziehungen zu Israel unterhält."