"Ich bitte Sie um Vergebung"

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Mo, 26. August 2019

Ausland

In der Toskana löschte die Wehrmacht 1944 systematisch fast ganze Dörfer aus / 75 Jahre später besucht der Bundespräsident als erster deutscher Staatsmann Fivizzano.

Hell wie ein Scheinwerfer prallt das Mittagslicht auf den kleinen Platz von Fivizzano, Hunderte Menschen stehen dichtgedrängt, junge, alte und ganz wenige sehr alte. Es ist sehr still, bevor Frank Walter Steinmeier hinter dem Rednerpult stehend sagt: "Non possiamo capirlo." Wir können ihn nicht verstehen – so schrieb der Italiener Primo Levi, der Auschwitz überlebte, über den Hass der Nationalsozialisten, den Hass, den die Deutschen im Dritten Reich in sich entfesselten.

Lange lag das, was hier im Norden der Toskana im Sommer 1944 geschehen ist, im Dunklen – für die Deutschen, die es vergessen wollten. Tagelang mordeten, brandschatzten, plünderten Soldaten der 16. SS-Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" unter Kommando ihres Sturmbannführers Walter Reder. Planmäßig und gnadenlos führte die Wehrmacht diesen Krieg gegen die Zivilbevölkerung als Vergeltung für Schlachten mit den Partisanen. Sie durchkämmte abgelegenste Weiler und hinterließ Tod, Blut und Asche. 400 Menschen wurden getötet.

Hier ist die Erinnerung an den Horror gegenwärtig. Aber in Deutschland, dem Land der Täter? Es ist das erste Mal, dass ein hoher deutscher Staatsmann den Ort besucht – und wer den Applaus hört, als Steinmeier seiner Limousine entsteigt, ahnt die Bedeutung. "Wir glauben zu wissen, was Deutsche in diesen Jahren angerichtet haben", sagt der Bundespräsident in seiner Rede: "Doch wir wissen nicht genug." Er spricht auf Italienisch. "Sie haben ein Recht drauf, dass auch bei uns in Deutschland bekannt wird, was Deutsche Ihnen angetan haben."

In der Tat ist die Geschichte der Aufarbeitung jener Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor allem eines: ein weiteres bitteres Kapitel. Zwar wurde der Kommandant Reder an Italien ausgeliefert und dort verurteilt und inhaftiert. Aber die meisten Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Erst vor wenigen Jahren hat eine deutsch-italienische Historikerkommission sich der Aufarbeitung angenommen. In Deutschland kam es wegen der Verbrechen zu keiner einzigen Verurteilung.

"Ich stehe heute vor Ihnen als deutscher Bundespräsident und empfinde ausschließlich Scham über das, was Deutsche Ihnen angetan haben", sagt Steinmeier. "Ich bitte Sie um Vergebung." Nicht wenige der älteren Zuhörer haben Tränen in den Augen. In Deutschland habe es viel zu lange gedauert, sich an diese Verbrechen zu erinnern, sagt Steinmeier. Und noch etwas: "Es ist eine Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt."

Sätze wie diese sind oft in Gedenkreden zu hören – aber an diesem Sonntag, in der politisch aufgeheizten Lage Italiens, klingen diese Sätze eindringlich und aktuell. Steinmeier und seinen Kollegen Sergio Mattarella eint das Interesse daran, aus der Geschichte Fivizzanos eine Lehre für genau dieses Heute zu ziehen. Beide treibt die Sorge um, dass populistische autoritäre Politikkonzepte mehr und mehr an der Idee vom gemeinsamen Europa nagen, zu dessen Kern es doch gehört, für die Zukunft vor solchen Abgründen zu schützen. "Nie wieder Krieg auf unserem Kontinent, nie wieder entfesselter Nationalismus, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt", sagt der Bundespräsident. Und auch wenn bei dieser Zeremonie die Tagespolitik, die volatile innenpolitische Lage in Italien explizit außen vor bleiben soll, so ist es kaum misszuverstehen, dass sich diese Botschaften auch an den rechten politischen Rand richten, in Deutschland wie in Italien. Der Bürgermeister Fivizzanos nimmt kein Blatt vor den Mund: Es sei gut, einen Moment innezuhalten, sagt Gianluigi Fiannetti: "Es ist eine einzigartige Gelegenheit, dass zwei Staatsoberhäupter anwesend sind, um eine Botschaft des Friedens zu verkünden gegenüber einem Europa, das von starken Nationalismen gefährdet ist." Wie stark die Sorge derzeit in Italien ist, das macht der Regionalpräsident der Toscana, Enrico Rossi, deutlich: "Es gibt Kräfte, die eindeutig faschistische Wurzeln haben und die an Kraft gewinnen. Das dürfen wir nicht zulassen." Der ganze Platz applaudiert lange.

Warum Gedenken kein Ritual ist, sondern Notwendigkeit, das macht Staatspräsident Mattarella in seiner Rede klar: "Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sich diese Vorfälle sich nur deswegen ereignen konnten, weil sie einer anderen Epoche angehörten", sagt er. Und auch Mattarella er erinnert an einen Satz Primo Levis: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen."