Ausstellung

Schickt die Jugend nach Afrika: Deutsche Schriftsteller und die Kolonialpolitik des Kaiserreichs

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 15. November 2019 um 19:50 Uhr

Literatur & Vorträge

Deutsche Schriftsteller und die Kolonialpolitik des Kaiserreichs: Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach stellt einen "Open Space" für die Ausstellung "Narrating Africa" her.

Um auf Augenhöhe zu gelangen, sollte man sich niederlassen. Im Literaturmuseum der Moderne (LIMO) in Marbach liegen in einem der Räume jetzt Sitzkissen aus. Sie sind postiert um niedrige Tische, auf denen in großen Schreibschriftlettern etwas geschrieben steht. Was, das erklären die Hefte, die an bestimmten Stellen mit Magneten in das Schriftbild eingefügt sind. "Narrating Africa" ist diese Ausstellung benannt, die keine sein will. Sondern ein "Open Space", ein offener Raum, in dem sich im Lauf eines Jahres einiges ändern soll.

Archivdirektorin Sandra Richter, die die Vitrinen mit den Originaldokumenten – die den Ausstellungsbetrieb im LIMO in der Ära Raulff geprägt haben – aus den gekühlten, abgedunkelten Räumen im Untergeschoss des Chipperfield-Baus hat wegräumen lassen, sprach beim Presserundgang von einem längerfristigen Projekt. In einem ersten Schritt zeigt das Archiv, was es – aus kolonialer, kolonialkritischer und postkolonialer Sicht – von Afrika, konkret: von der ehemaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu erzählen hat. In einem zweiten Schritt mischen sich die Kooperationspartner in Namibia – die University of Namibia, das Nationalarchiv, das Goethe Institut – in die Marbacher Vorgaben ein und werden sie verändern. Zentral ist dabei ein Festival im Juni mit Autorinnen und Autoren aus dem südafrikanischen Staat, der von 1884 bis 1918 deutsches "Schutzgebiet" – vulgo: Kolonie – war; und in dem der Aufstand der Herero und der Nama so blutig niedergeschlagen wurde, dass von einem Genozid die Rede sein muss: Seit 2105 ist das auch die offizielle Lesart bundesdeutscher Politik.

Die Rückgabe der Bibel und der Peitsche des namibischen Volkshelden Henrik Witbooi, der sich zunächst taufen ließ, um sich dann gegen die Kolonialherren zu erheben, aus dem Stuttgarter Linden Museum im Februar dieses Jahres war, so Richter, die Initialzündung für "Narrating Africa". Das leuchtet ein. Selbstredend. Das Land Baden-Württemberg stelle sich seiner kolonialen Vergangenheit, hatte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) anlässlich eines Akts von hoher symbolischer Bedeutung für die Regierung der Republik Namibia gesagt.

Nun also können die Besucher des immer noch kühlen LIMO-Untergeschosses nachvollziehen, was deutsche Schriftsteller zur Kolonialpolitik des wilhelminischen Kaiserreichs beigetragen haben. Dabei geht es auch museumspolitisch um Partizipation, das neue Zauberwort auf der Schillerhöhe. Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Koordination im Archiv und einer Koproduktion mit Studierenden an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart, die den Raum mit mobilen Elementen – den zentralen Tischen und schräg an den Wänden stehenden Platten – gestaltet haben.

Die Tische wurden jeweils von einem Mitarbeiter des Archivs gestaltet. Die habilitierte Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter selbst hat sich unter anderem mit Hans Grimms propagandistischem Roman "Volk ohne Raum" beschäftigt, der den Nationalsozialisten als ideologische Legitimation für die gewaltsame Landnahme diente. "Volk ohne Raum" war schon in der Weimarer Republik ein Bestseller, Grimm avancierte zu einem der Lieblingsautoren Adolf Hitlers und sein Roman zur Pflichtschullektüre. "Volk ohne Raum", 1926 erschienen, kompensierte, so Richters Interpretation, den Verlust der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg und den Versailler Vertrag überhaupt im Medium der Literatur.

Grimm wusste, wovon er schrieb. Der abgebrochene Student der Literaturwissenschaft und Handlungsreisende berichtete 1910 für die Berliner Zeitung einige Monate lang aus dem südwestafrikanischen Staat, ohne auch nur ein Wort über den Genozid an den Herero zu verlieren. Grimms rassistischer, nationalistischer Text radikalisierte Frieda von Bülows 1895 erschienenen Bestsellerroman "Tropenkoller", der im Verlag von Theodor Fontanes Sohn Friedrich herauskam. Die Tochter eines preußischen Konsuls, die immerhin mit Rilke und Lou Andreas Salomé befreundet war, war eine glühende Anhängerin des Kolonialismus, suchte in Afrika mit der Gründung des "Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien" auch ein weibliches Betätigungsfeld und verliebte sich unglücklich in Carl Peters, als Reichskommissar am Kilimandscharo einer der brutalsten und grausamsten Kolonialisten, später ein Held der Nazis.

Wie sehr der Kolonialismus um die Jahrhundertwende zum gesellschaftlichen Diskurs im Deutschen Reich gehörte, lässt sich in der Ausstellung unter anderem mit dem Hinweis auf die Antrittsvorlesung des Soziologen Max Weber 1895 in Freiburg belegen. Weber benutzt für das Deutsche Reich das Bild von der Sonne, die aufgehen will, aber nicht genug Platz hat, und fügt den emphatischen Appell: "Schickt die Jugend nach Afrika!" an und steht mit seiner Meinung in der akademischen Welt keineswegs isoliert da. Eher schon die Gegner des Kolonialismus wie der unbestechliche Kurt Tucholsky und der heute weitgehend vergessene Hans Paasche, der versuchte, in den "Briefen des Negers Lukanga Mukara" die koloniale Perspektive umzukehren und auf Europa zu richten – während Ernst Jünger seine ersten militärischen Erfahrungen in der afrikanischen Fremdenlegion machte und der Schüler Peter Rühmkorf noch 1936 Kolonien in sein Schulheft zeichnete, die es längst nicht mehr gab.

Das prächtigste Stück der Schau ist eine Maske aus dem Nachlass des Soziologen Norbert Elias, der von 1962 bis 1964 eine Gastprofessur in Ghana innehatte, eine, so die Leiterin des LIMO Heike Gfrereis, "Augen- und Gedankenfänger" – von der man bis heute nicht weiß, warum ausgerechnet sie aus Elias’ umfangreicher Sammlung für Marbach ausgewählt wurde. Weitere Exponate sind in Arbeit. Auch können Besucher mit Fundstücken ihrer Wahl zur Anreicherung des "Open Space" beitragen.

Literaturmuseum der Moderne, Marbach. Schillerhöhe 8. Bis 22. November 2020, Di bis So 10-18 Uhr.