Sinn wird nicht "spendiert"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 17. November 2019

Südwest

Der Sonntag Axel Hacke lässt einen Nachrufschreiber über ein gelungenes Leben nachdenken.

"Wozu wir da sind." Große Worte auf einem Buchdeckel. "Handreichungen für ein gelungenes Leben" will der Schriftsteller und Kolumnist Axel Hacke geben. Am Mittwoch liest er daraus in Freiburg.

Der Sonntag: Mit der Hilfe des Nachrufschreibers Walter Wemut, der erstmals keinen Nachruf, sondern eine Rede zu einem 80. Geburtstag schreiben will, denken Sie über ein gelungenes Leben nach. Was ist dieser Wemut für eine Figur, sein Alter und sein Beruf erinnern ja an Sie?

Er hat nun mal ein Alter, in dem er einen gewissen Erfahrungshorizont besitzt, um über das Thema zu sprechen. Meine Figuren fallen mir irgendwie zu, ich habe sie plötzlich vor mir, ich kann das gar nicht näher beschreiben. Natürlich habe ich vieles aus dem Schatzkästlein des eigenen Leben beizusteuern, das plötzlich zu so einer Figur passt.

Der Sonntag: Walter Wemut übt einen Beruf aus, den es so nicht gibt: Er schreibt Nachrufe auf unbekannte Personen und greift sich dabei oft nur einen Aspekt aus deren Leben heraus . . .

In dieser Radikalität mit der Freiheit des Autors über Jahrzehnte hinweg gibt es das natürlich nicht, das habe ich mir ausgedacht. Der Tagesspiegel in Berlin hat aber etwa eine Seite, in der Nachrufe auf ganz normale Bürger stehen. Auch in angelsächsischen Zeitungen gibt es solche Obituary-Seiten mit Nachrufen auf Unberühmte. Sein Beruf gibt Wemut einen Charakter, seine Themen sind aber solche, über die jeder reden kann.

Der Sonntag: Auf Ihrer Sinn-Suche mit ihm stoßen Sie mit Bezug zu einem Song von Leonard Cohen darauf, dass es die Risse sind, die Licht in eine Sache lassen. Die Brüche in einem Leben bringen Menschen also letztlich weiter?

Ja, wenn etwas kaputt gegangen ist, fängt man an, etwas zu verstehen. Eine Verletzung macht vieles klar, den meisten Menschen werden in den Krisen ihres Lebens Dinge bewusst, über die sie vorher schlicht nicht nachdenken mussten. Wenn jemand krank wird, wenn man durch Tod oder die Zerstörung einer Beziehung oder Freundschaft jemanden verliert.

Der Sonntag: Sie haben am Ende der philosophischen Überlegungen – und das war ja auch nicht ernsthaft zu erwarten – keine alleinseligmachende Formel für ein erfülltes Leben. Ein paar Anregungen geben Sie schon. So sollte man nicht von irgendwoher eine Antwort erwarten. Es komme nicht darauf an, "was wir vom Leben zu erwarten haben, sondern was das Leben von uns erwartet", wie dies auch der Psychologe Viktor Frankl, der mehrere Konzentrationslager überlebt hat, formuliert. Das Leben als Aufgabe. Sind viele zu passiv in der Suche nach "ihrem Auftrag"?

Mir ist es wichtig, keine Bücher zu schreiben, die Ratschläge oder Tipps geben. Ich will, das meine Bücher den Leser zum Nachdenken bringen. Dass sie Anregungen geben, was man machen könnte. Ich will nur den Apparat da oben beim Leser im Kopf in Bewegung versetzen. Deshalb erzählt Walter Wemut seine Geschichten von Freunden und Begegnungen. Und bei jeder der Anekdoten kann der Leser einhaken, sein eigenes Leben oder das eines Freundes wiederfinden. Was Viktor Frankl sagt, empfinde ich auch als etwas Zentrales. Dass man nicht erwarten darf, dass einem Sinn im Leben von irgendwoher "spendiert" wird. Sondern man ihn sich selbst schaffen muss.

Der Sonntag: Eine weitere Anregung, die ich aus Walter Wemuts Erzählungen herausgelesen habe, ist die Bedeutung der anderen für das eigene Leben. Es gilt auf andere zuzugehen, zu versuchen, hinter ihre Fassaden zu blicken, statt sich mit der Fassade zu beschäftigen, die man stets um sich selbst herum aufbaut.

Da sind wir wieder bei dem Riss. Man muss diese Risse bei anderen und bei sich selbst sehen. Ich halte die Beziehungen zu anderen Menschen für das Wichtigste. Ohne sie kann der Mensch nicht sein, er ist nicht dazu gemacht, für sich alleine zu leben. Deswegen glaube ich, dass man sich öffnen muss. Und dass man auch andere öffnen muss. Das tun ja auch die meisten.

Der Sonntag: Auch ein etwas profanerer Ratschlag findet sich bei den Betrachtungen eines Arbeitskollegen von Wemut. Der bastelt sich aus Kartenrunde, Fußballspielen und Knoblauchspaghetti- Essen eine lange Reihe kleiner Freuden zusammen. Ohne dabei aber nur einem hedonistischen Ideal hinterherzulaufen und das Leben und Leiden der anderen aus dem Blick zu verlieren. Das kann auch schon reichen?

Der hat so einen konkreten sinnlichen Zugriff auf das Leben. Er erfreut sich an allem, was er macht, so sehr, das gefällt mir an der Figur. Sie hat nicht das Ziel, die Welt zu verändern, aber hilft doch oft anderen Menschen. Diese unmittelbare Freude am Dasein, auch ohne die großen, alles überwölbenden Ziele, ich finde es immer toll, wenn Menschen so etwas haben.

Das Gespräch führteOtto Schnekenburger
Axel Hacke, Wozu wir da sind – Handreichungen für ein gelungenes Leben, Verlag Antje Kunstmann, 20 Euro
Lesung: Mittwoch, 20. November, 20 Uhr, E-Werk, Freiburg