In Dunkelheit und ewigem Eis

Janet Binder

Von Janet Binder (dpa)

Mi, 12. Februar 2020

Panorama

Seit zwei Monaten lebt der Arktisforscher Christian Katlein auf dem Forschungsschiff Polarstern – und würde gern die Sonne einschalten.

BREMERHAVEN. Ein Jahr lang driftet das Forschungsschiff Polarstern durch die Arktis, es ist eine der größten Expeditionen in der Region überhaupt. Mit an Bord: der Bremer Physiker Christian Katlein. Er berichtet von beglückenden und dramatischen Momenten.

Wenn Christian Katlein und seine Kollegen in diesen Tagen nach draußen gehen, ist es stockfinster – egal ob es zwölf Uhr mittags ist oder Mitternacht. "Wir erarbeiten uns unseren Eindruck von der Umgebung nur mithilfe von Scheinwerfern, Infrarotkameras, Nachtsichtgeräten und Laserscannern", schreibt der 33-Jährige in einer E-Mail. Dazu kommt die Kälte: Die Temperaturen rutschen derzeit auf bis zu minus 35 Grad Celsius.

Der Meereis-Physiker des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts lebt seit zwei Monaten auf dem Forschungsschiff Polarstern, das ein Jahr lang – an einer riesigen Eisscholle angedockt – durch die zentrale Arktis driftet. Auf der Scholle ist ein Camp mit zahlreichen Forschungsinstrumenten aufgebaut. 150 Tage ist es während der im September 2019 gestarteten Mammut-Expedition mit wechselnden Forscherteams durchgehend dunkel. Katlein erlebt diese Polarnacht gerade – er empfindet sie als erträglich: Weil es durchgehend dunkel sei, "wird der Körper gar nicht erst daran erinnert, dass es überhaupt so etwas wie Sonne gibt".

Demnächst wird Katlein zusammen mit anderen Wissenschaftlern von einem russischen Versorgungseisbrecher wieder ans norwegische Festland gebracht. Die Kapitan Dranitsyn wird Mitte Februar an der Scholle erwartet. Andere Forscher kommen an Bord, um die begonnene Arbeit fortzusetzen. Es ist bereits der zweite Austausch.

Katlein betreut einen ferngesteuerten Unterwasser-Roboter. "Zweimal die Woche vermessen wir die Unterseite des Meereises." Gleich zu Anfang seines Arktis-Aufenthaltes kam es zu einer dramatischen Szene: "Ich entdeckte, wie sich direkt unter dem Zelt, in dem unser Tauchroboter auf seinen nächsten Einsatz wartete, ein halber Meter breiter Riss gebildet hatte." Durch schnelles Handeln habe die Ausrüstung in Sicherheit gebracht werden können. Bereits am nächsten Tag sei der Riss mehrere Meter breit gewesen. Später konnten die Geräte an anderer Stelle auf der Eisscholle wiederaufgebaut werden. "Es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis."

Generell werde bis in die Abendstunden gearbeitet. "Forschungszeit auf einem Eisbrecher ist kostbar, und wir wollen diese einmalige Chance bestmöglich ausnutzen", so Katlein. Ab und zu seien aber ein paar Runden im bordeignen Schwimmbad und entspanntes Schwitzen in der Sauna möglich. Außerdem genieße er die sonntäglichen Filmabende mit den anderen – und die kulinarische Versorgung. "Wer den ganzen Tag bei Temperaturen unter minus 30 Grad Celsius auf dem Eis arbeitet, braucht viel zu essen, um dem Körper den nötigen Brennstoff zum Heizen zuzuführen", sagt der Wissenschaftler.

Das Zusammenleben auf dem Schiff bereite keine Probleme. Sicherlich seien Kompromisse notwendig beim Wohnen in den Zweierkabinen. "Insgesamt ist die Stimmung an Bord aber äußerst gut, da wir alle glücklich sind, unter diesen Bedingungen unsere Arbeit machen zu können." Einen Wunsch hätte er allerdings noch: "Ich würde sehr gerne einfach mal kurz die Sonne anschalten, um wirklich zu sehen, wie das hier denn so alles aussieht."