Fischsauce und gute Wünsche

Das Gespräch führte Annette Mahro

Von Das Gespräch führte Annette Mahro

So, 14. Juli 2019

Basel

Der Sonntag Althistorikerin erbringt Nachweis: Die älteste christliche Handschrift liegt in Basel.

Die weltweit bisher älteste bekannte Handschrift eines Christen befindet sich in der Papyrussammlung der Basler Universität. Die Althistorikerin Sabine Huebner konnte dies nun nachweisen. Der Inhalt hingegen ist auch heute zeitgemäß.

Der Sonntag: Frau Huebner, die Handschrift stammt aus den 230er Jahren nach Christus. Müsste es nicht sehr viel ältere geben?

Es gibt natürlich deutlich ältere christliche Texte. Das sind aber Abschriften, beispielsweise von neutestamentarischen Schriften, die aus dem 2. und 3. Jahrhundert stammen. Die Originale besitzen wir nicht und wir wissen auch nicht, ob der Abschreiber ein Christ war. Hier wissen wir zum ersten Mal: Das ist die Handschrift eines Christen, also ein Originaldokument und keine spätere Abschrift, sondern ein Brief, der von einem Christen selbst verfasst wurde. Wir haben das Original, das rund 1 800 Jahre alt ist.

Der Sonntag: Warum wurde das erst jetzt gefunden?

Der Papyrus ist tatsächlich seit mehr als 100 Jahren in der Uni Basel. Der Bestand wurde 1899 angekauft und auch schon im frühen 20. Jahrhundert bearbeitet. Die damaligen Experten sagten schon, aufgrund dieser Handschrift könnte der Brief in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts gehören und es könnte sich damit um die älteste christliche Handschrift handeln. Das war aber nur auf Basis der Schrift. Paläographie ist eine sehr unsichere Datierungsmethode, die auch einmal um 100 Jahre nach hinten oder vorne abweichen kann.

Der Sonntag: Deshalb sind Sie jetzt anders vorgegangen?

Ich habe mich jetzt im Rahmen eines neuen Projekts, bei dem wir die gesamte Sammlung der Basler Papyri ediert haben, noch einmal mit diesem Schriftstück befasst, habe mir die Personen angesehen und sie in anderen Papyri aus Ägypten wiedergefunden. Diese anderen Erwähnungen erlaubten es mir, diesen Papyrus in die Zeit vor 239 zu datieren. Es geht dabei vor allem um den im Brief erwähnten Herakleides, von dem es dort heißt, dass er soeben in den Stadtrat berufen worden sei. Wir besitzen ein anderes Schriftstück, das im Text selbst auf 239 datiert ist und in dem dieser Herakleides wieder auftaucht. Diesmal heißt es, dass er im Stadtrat sitzt. Unser Brief muss also in die Jahre vor 239 gehören. Der Schreiber stammte aus dem römischen Ägypten.

Der Sonntag: In welcher Sprache schreibt er?

In Altgriechisch, das war die Verwaltungssprache im römischen Ägypten und dem gesamten östlichen Mittelmeerraum.

Der Sonntag: Der Schreiber stammte aus dem römischen Ägypten. Durfte man sich dort zu dieser Zeit offen zum Christentum bekennen?

Das ist die Frage. Bis ins vierte Jahrhundert war das Christentum keine legitimierte Religion, es gab immer wieder Verfolgung – auch von Kaisern initiiert. Dazwischen gab es aber auch jahrzehntelange Friedenszeiten, und nicht überall waren Christen gleich stark bedroht. Man konnte sich also schon zum Christentum bekennen, ohne dass es automatisch bedeutete, dass man verfolgt wurde. Es konnte aber auch sein, dass ein Nachbar einen anzeigte und es Probleme gab, bis hin zur Exekution.

Der Sonntag: Der Brief ist von recht profanem Inhalt, unter anderem ist darin von Fischsauce die Rede. Könnte der Fisch, bis heute ein christliches Symbol, auch ein versteckter Hinweis auf das Bekenntnis des Schreibers sein?

Nein, das glaube ich nicht. Fischsauce war ein beliebtes Würzmittel im gesamten Mittelmeerraum, also quasi das heutige Maggi, oder mit Sardellenpaste zu vergleichen aus vergorenem Fisch. Das kippte man in fast alles hinein, und es gab die Sauce auch in verschiedenen Qualitätsstufen. Der Schreiber Arrianus bittet deshalb seinen Bruder Paulus, der vermutlich in Alexandria weilt, ihm von dort die beste Fischsauce mitzubringen.

Der Sonntag: Was macht Sie dann sicher, dass dieser Arrianus ein Christ war?

Der Beleg dafür ist die abschließende Grußformel, in der er schreibt: "Ich bete, dass es Dir gut geht im Herrn." Genau dieses "im Herrn" ist ganz typisch christlich. Wir finden diese Redewendung zum ersten Mal in den Briefen des Paulus, er verwendet die gleiche Formel. Und dann kürzt unser Briefeschreiber die Formel auch noch ab, indem er nur den ersten und den letzten Buchstaben verwendet. Damit verwendet er ein sogenanntes nomen sacrum – also ein heiliges Wort im Christentum, das ab dem späten 2. Jahrhundert in den neutestamentarischen Schriften belegt ist. Da ist es ganz zweifelsfrei, dass Arrianus diese Texte gelesen hat – also nicht nur gehört, denn sonst hätte er diese Abkürzungsformel nicht kennen können –, dass er sich ganz bewusst auf Christus beruft und dass auch der Adressat Paulus ein Christ war, sonst hätte er die Formel nicht verstanden.
Das Gespräch führte Annette Mahro
Die Uni Basel war 1900 eine der ersten deutschsprachigen Universitäten, die eine Papyrussammlung aufbaute. Zu dieser Zeit war Papyrologie in Mode, denn man erhoffte sich davon Erkenntnisse über die Entwicklung des frühen Christentums und verloren geglaubte Werke antiker Autoren. Heute umfasst die Basler Sammlung 65 Schriftstücke in fünf Sprachen aus ptolemäischer, römischer sowie spätantiker Zeit. Der Großteil der Basler Papyri ist noch unveröffentlicht und blieb von der Forschung bislang weitgehend unbeachtet.