Wärmeverlust wie bei einem Sieb

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Von teli

Sa, 09. November 2019

Offenburg

BLICK INS ELSASS: Das Gebäude der Straßburger Stadtverwaltung wird saniert / Jugendliche bewerfen Rettungskräfte mit Steinen.

STRASSBURG (teli). Es ist nur ein Katzensprung von der Ortenau ins Elsass und in die quirlige Europastadt Straßburg. Was sich jenseits des Rheins tut, beleuchtet unser "Blick ins Elsass".

Erweiterung

Von 1973 bis 1976 wurde das große Straßburger Verwaltungsgebäude errichtet, das sich über 43 Meter und elf Stockwerke in die Höhe erhebt. 1400 Menschen arbeiten darin für die Stadt Straßburg und die Eurométropole de Strasbourg; rund 400 000 Besucher werden jährlich gezählt. Schon seit Jahren konterkariert das Gebäude die Klimaschutzbestrebungen der Straßburger Stadtspitze – es verliere Wärme wie ein Sieb, hieß es in der jüngsten Gemeinderatssitzung, in der die Erweiterung des Verwaltungszentrums auf der Tagesordnung stand. Mit neun Millionen Euro könnten das Erdgeschoss erweitert und die Stockwerke mit Publikumsverkehr so modernisiert werden, dass Besucher mit Anliegen, die wenig Zeit in Anspruch nehmen und solche mit Anliegen, die dauern, in voneinander abgetrennten Bereichen bedient werden können. Was die Kundenfreundlichkeit des Gebäudes angeht, konstatiert die Verwaltung selber einen Rückstand von 20 Jahren und schlägt vor, die Bauarbeiten im Zeitraum von 2020 bis 2022 abzuwickeln. Unberührt von den jetzt vorgeschlagenen Arbeiten im geschätzten Kostenrahmen von neun Millionen Euro bleiben die übrigen Stockwerke des Verwaltungsgebäudes; eine energetische Sanierung ist in den neun Millionen Euro nicht enthalten. Eines wurde in der Debatte auch klar: Der aktuelle Gemeinderat hat kein Interesse daran, das Verwaltungsgebäude abzureißen und neu zu bauen.

Gratis-Tram bei SMOG

Wer in Straßburg mit der Tram oder dem Bus fahren möchte, muss auch künftig ein Ticket lösen. Eine im Februar eingesetzte Arbeitsgruppe kommt zu dem Schluss, dass ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr für Straßburg zu hohe Kosten bei zu wenig Nutzen bedeuten würde. Die Forderung, Bus und Tram müssten ohne Ticket, also für den Passagier kostenfrei, nutzbar sein, wurde in Straßburg von verschiedenen Gruppierungen immer wieder erhoben. Die Arbeitsgruppe hat das Thema nun vertieft und aus allen Richtungen beleuchtet. Das Ergebnis: Städte, in denen öffentliche Verkehrsmittel ohne Ticket genutzt werden können, sind kleiner als die Eurométropole und hatten zuvor eher niedrige Nutzungsquoten. In Straßburg sind die Tramzüge, die in den Hauptverkehrszeiten im Sechs- bis Sieben-Minuten-Takt fahren, oft bereits überfüllt; ein noch kürzerer Takt wäre technisch kaum zu machen. Außerdem hätten die Städte, in denen kostenloses Busfahren angeboten worden sei, nur 1,5 bis zwei Prozent an zusätzlichen Fahrgästen gewonnen, heißt es. Die Autofahrer, die umgestiegen sind, machten davon nur die Hälfte aus, bei den übrigen handele es sich um Fahrgäste, die zuvor zu Fuß gegangen seien. Dürften Bus und Tram auf dem Gebiet der Eurométropole ohne Ticket genutzt werden, müsste die Gebietskörperschaft dafür wohl 70 Millionen Euro pro Jahr aufbringen und durch höhere Steuern refinanzieren. Die Arbeitsgruppe rät daher, eher über günstigere Tarife für bestimmte Bevölkerungsgruppen nachzudenken: Familien, unter 18-Jährige, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Rentner. An Tagen mit hoher Luftbelastung, an denen nur noch Autos mit bestimmten Umweltplaketten fahren dürfen, sollen Busse und Tramzüge dagegen künftig kostenfrei – anstatt mit einem verbilligten Ticket – genutzt werden können. Das soll der Rat der Eurométropole noch im November entscheiden.

Gewalt an Halloween

Brennende Autos, Jugendliche, die Steine auf Busse, Feuerwehr- und Polizeiautos warfen – die Halloweennacht in Straßburg, Mulhouse und Colmar war geprägt von Zerstörungswut einiger Gruppen von jungen Leuten. Die sinnlose Gewalt entlud sich in Straßburg in einigen Stadtteilen außerhalb des Zentrums: Laut einem Bericht der Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace brannten zehn Autos, um die 20 Mülltonnen, ein Bus wurde von einer Gruppe von Jugendlichen mit Eiern und Steinen beworfen. Einer durchschlug offenbar die Rückscheibe – Verletzte gab es laut einem Bericht von France 3 Alsace in dem mit etwa zehn Passagieren besetzten Bus nicht. Der Fahrer erlitt jedoch einen Schock und musste sich in ärztliche Behandlung begeben. Auch Feuerwehrleute waren während der Löscharbeiten Ziele von Steinwürfen. In Mulhouse wurden sechs Autos abgefackelt und um die zehn Mülltonnen und -container in Brand gesteckt. Auch in Colmar brannten Müllcontainer und während die Feuerwehrleute beim Löschen unbehelligt blieben, wurden die Polizeikräfte heftig mit Steinen attackiert. In allen drei Städten ging die Gewalt laut Zeitungsartikel vor allem von Gruppen von etwa 15-Jährigen aus.

Weihnachtsbaum

Wenn die große Tanne auf dem Kléber-Platz aufgestellt wurde, um den Anspruch der selbsternannten Weihnachtshauptstadt Straßburg auf den höchsten Christbaum Europas zu demonstrieren, hat es an Kommentaren über die Schönheit des noch nicht geschmückten Baumes mannie gefehlt. In diesem Jahr jedoch scheint bereits die nackte Tanne, die im Wald von Boersch in der Nähe von Obernai gefällt wurde, im Zentrum des Interesses zu stehen: Kaum ein Kandidat um das Amt des Oberbürgermeisters hat es dieser Tage versäumt, sich mit dem Baumriesen zu fotografieren und das Bild in den sozialen Netzwerken zu posten. Dabei wurde natürlich auch die im politischen Raum spannende Frage diskutiert, ob der Baum sich eher leicht nach rechts oder leicht nach links neigt. Zahlreiche Nutzer der sozialen Netzwerke treibt jedoch ein ganz anderes Thema um: Ist es in Zeiten von Erderwärmung und Klimaschutz nicht ein Frevel, einen Baumriesen zu fällen? Von einem ökologischen Verbrechen ist da in typischer Übertreibung zu lesen, von fehlendem Respekt für die Natur. Von diesen Bäumen gebe es unzählige in den Vogesen, verteidigt der zuständige Beigeordnete Mathieu Cahn die 130 000 Euro teure Aktion. Solche alten Bäume müssten manchmal auch gefällt werden, damit neue nachwachsen könnten. Der Idee, auf dem Kléber-Platz eine Tanne dauerhaft zu pflanzen, erteilte er eine Absage: Zum einen dauere es 80 Jahre, bis ein Baum die richtige Größe erreiche, zum anderen sei das Erdreich nicht geeignet.