Ergebnis einer finnischen Studie

Das Grundeinkommen macht nicht faul

Hannes Koch

Von Hannes Koch

Do, 07. Mai 2020 um 11:30 Uhr

Wirtschaft

Die Teilnehmer eines Experiments in Finnland zum Grundeinkommen arbeiteten etwas mehr als normale Arbeitslose in der Vergleichsgruppe.

"Das Grundeinkommen hat mir sehr geholfen", schreibt Juha Järvinen, der nordwestlich der finnischen Hauptstadt Helsinki auf dem Land wohnt. In seiner Werkstatt baut er Holztrommeln für traditionelle Musik. "Eine Goldmine ist das nicht, aber ich brauche keine Unterstützung der Regierung mehr." 2017 und 2018 war Järvinen einer der ausgelosten Teilnehmer im staatlichen finnischen Experiment mit dem Grundeinkommen.

Dazu veröffentlichte die Sozialbehörde Kela ihren Ergebnisbericht. Demnach haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas mehr gearbeitet als die Erwerbslosen in der Vergleichsgruppe. Außerdem waren sie zufriedener, empfanden weniger Stress und beurteilten ihre finanzielle Situation positiver.

Grundeinkommen wurde nicht mit selbst verdientem Geld verrechnet

Von Anfang 2017 bis Ende 2018 erhielten 2000 ausgeloste Arbeitslose 560 Euro monatlich vom finnischen Staat – ohne Bedingungen. Diese Summe wurde nicht mit selbst verdientem Geld verrechnet, wenn sie zusätzliche Einnahmen erwirtschafteten. Die zentrale Frage lautete: Wirkt dieses Grundeinkommen als Anreiz, sich selbst um neue Jobs zu kümmern, also als bessere Hilfe, aus dem Arbeitslosenzustand herauszukommen?

In Deutschland ist die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen ebenfalls im Gange. Derzeit unterstützen hunderttausende Bundesbürger angesichts der Corona-Krise Petitionen für eine entsprechende Reform.

Effekte waren klein

Das finnische Experiment ergab, dass die Teilnehmer die durchschnittliche Zahl ihrer Arbeitstage zwischen November 2017 und Oktober 2018 von 72 auf 78 erhöhten. Die Arbeitslosen in der Vergleichsgruppe arbeiteten mit 73 Tagen etwas weniger. Den Zuwachs an Arbeitstagen kann man sich beispielsweise damit erklären, dass die Motivation stieg, weil das zusätzliche Einkommen nicht verrechnet wurde – wie bei Juha Järvinen. Eine andere Variante war: Die Teilnehmer bemühten sich um soziales Engagement und bekamen dadurch neue Kontakte in den Arbeitsmarkt. Die Sozialbehörde Kela erklärte allerdings, dass die aktivierenden Effekte "klein" waren.

Für Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin liegt darin dennoch eine positive
Botschaft: "Das Grundeinkommen bestärkte die Leute nicht, ihre Hände in den Schoß zu legen." Wer eine Sozialleistung erhalte, ohne etwas dafür tun zu müssen, werde faul, lautet ein verbreitetes Argument gegen das Grundeinkommen.

Grundeinkommen-Bezieher waren zufriedener

Verzerrt wurden die Ergebnisse möglicherweise durch eine andere Sozialreform der finnischen Regierung. Von Anfang 2018 an mussten normale Arbeitslose verstärkt über ihre Jobsuche Rechenschaft ablegen – sonst konnten die Leistungen gekürzt werden. Der erhöhte Druck im konventionellen System mag dazu beigetragen haben, dass auch die Erwerbslosen der Vergleichsgruppe ihre Arbeitsanstrengungen erhöhten. Ohne dies wäre der Vorsprung der Experimentteilnehmer bei den Arbeitstagen vielleicht größer ausgefallen. Ihre finanzielle Situation beurteilten die Menschen im Experiment positiver als die Leistungsempfänger der Vergleichsgruppe. 60 Prozent waren zufrieden, in der Kontrollgruppe nur 52 Prozent. Während 32 Prozent der normalen Erwerbslosen an Depressionen litten, waren es unter den Mitwirkenden des Versuchs lediglich 22 Prozent. "Sie waren zufriedener mit ihrem Leben, erlebten weniger Stress, Traurigkeit und Einsamkeit", schrieben die begleitenden Forscher.

Experimente auch in Deutschland?

DIW-Ökonom Jürgen Schupp plädiert dafür, wissenschaftlich begleitete Experimente zum Grundeinkommen auch in Deutschland zu machen. In Hamburg schaffte die "Expedition Grundeinkommen" unlängst den Sprung über die Hürde der Volksinitiative. Sie reichte mehr als 10 000 Unterschriften beim Senat ein. Der muss sich nun mit deren Anliegen beschäftigen, einen Modellversuch zum Grundeinkommen zu organisieren. Schupp rät auch dazu, die augenblicklichen Erleichterungen im Hartz-IV-System auch nach Corona beizubehalten. Um den Zugang zu Sozialleistungen zu verbessern, findet derzeit keine Vermögensprüfung statt.