Schicke E-Autos und dicke SUVs

Rolf Obertreis und dpa

Von Rolf Obertreis & dpa

Mi, 11. September 2019

Wirtschaft

Auf der Internationalen Automobilausstellung betonen die Hersteller die Rolle von Umwelt- und Klimaschutz – präsentieren aber auch ertragbringende dicke Schlitten.

FRANKFURT. Die Feierlaune früherer Jahre mag auf der IAA diesmal nicht so recht aufkommen. Klimaproteste gegen die Geldmaschine SUV und die Geburtsschmerzen der E-Mobilität setzen die Aussteller unter Druck.

Haben die Auto-Hersteller verstanden? Am ersten Pressetag der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen. Ob BMW-Chef Oliver Zipse, der erste Mercedes-Mann Ola Källenius, VW-Chef Herbert Diess oder Opel-Chef Michael Lohscheller: Der Begriff SUV fällt bei ihren Präsentation mit fast keinem Wort.

Verschämt in den Ecken stehen die dicken Autos trotzdem nicht. Schließlich sind sie, wie Ferdinand Dudenhöffer, Auto-Experte der Universität Duisburg-Essen, bei seinem Gang über die Messe sagt, die Profitbringer der Branche. Und das vermutlich noch auf Jahre. Sie sind damit auch Basis für die notwendigen Investitionen von BMW, Mercedes, VW und Co. in die Elektromobilität und den Klimaschutz. "Mit E-Autos verdienen die Hersteller in den nächsten fünf Jahren nichts", sagt Dudenhöffer.

Vor den Toren des Messegeländes hat Greenpeace einen riesigen schwarzen Ballon aufgebaut, der 2,5 Tonnen des Klimagases Kohlendioxic (CO2) fassen soll. Die Umweltschützer fordern eine "Verkehrswende ohne Klimakiller". Massive Proteste gegen die Autobranche und die deutsche Verkehrspolitik sind für das kommende Wochenende angekündigt.

E-Autos und Klimaschutz rücken die Automanager auf der IAA in den Mittelpunkt wie selten zuvor. Der öffentliche Druck und die massive Kritik von Umweltschützer zeigen offensichtlich Wirkung. BMW-Chef Zipse sieht den Münchner Konzern heute schon an der Spitze der Elektromobilität. "In Deutschland hat kein anderer Hersteller 2019 bislang mehr elektrifizierte Automobile verkauft als die BMW Group", sagt er am dicht umlagerten Stand in Halle 3. "In zwei Jahren werden wir über eine Million elektrifizierter Fahrzeuge verkauft haben". Nachhaltigkeit rücke in den Mittelpunkt. In Europa sei die Produktion bereits jetzt CO2-neutral. Dass auch BMW massiv von SUVs lebt, sagt Zipse – natürlich – nicht. Im August hatten die X-Modelle einen Anteil von fast 50 Prozent an allen verkauften BMW-Fahrzeugen.

Die Konjunktur macht

der Branche zu schaffen

Am anderen Ende des Messegeländes hat Mercedes vor der Festhalle vor allem seine G-Modelle aufgereiht. Drinnen auf der Bühne preist Konzernchef Källenius den Wandel auch in Stuttgart: "Mercedes ist elektrisch." Bis zum Jahresende gebe es aus Stuttgart 20 Elektro-Modelle und Plug-in Hybride. "Viele sind ungeduldig. Wir sind es auch", verspricht er einen noch schnelleren Wandel. Die Transformation sei im Gange, sagt er vor in der Halle platzierten Bäumen. Bis 2022 werde die Fahrzeugproduktion CO2-neutral sein, bis 2030 seien mehr als die Hälfte der Mercedes-Neuwagen elektrisch. Dass die Beschäftigten mitziehen, ist für Teamplayer Källenius keine Frage. Am Schluss seiner Präsentation ruft er mehr als 100 Beschäftigte auf die Bühne zwischen die Autos. Sie applaudieren begeistert. Aber allein werden sie den Umschwung nicht stemmen können. "Die Klimawende ist eine Mammutaufgabe. Wir leisten unseren Beitrag, aber Politik und Industrie müssen den Weg gemeinsam gehen", ist Källenius überzeugt. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am Donnerstag bei der offiziellen Eröffnung der IAA darauf antworten.

Und sie wird am Stand von VW in Halle 3 vorbeischauen. Vier Jahre nach der Aufdeckung des Dieselskandals sehen sich die Wolfsburger komplett neu aufgestellt. Und präsentieren in Frankfurt zum ersten Mal ihr neues vermeintliches Wunder-Elektro-Auto ID. 3. Mit dem Modell, dass für einen Basis-Preis von weniger als 30 000 Euro nach Überzeugung von VW-Konzernchef Herbert Diess die E-Mobilität für alle erschwinglich macht und zu einem echten "Volks"-Wagen werden soll, wollen die Wolfsburger zum Marktführer in diesem Bereich werden. Freilich: Es gibt zwar 30 000 Reservierungen für die erste, knapp 40 000 Euro Version des ID. 3. In großem Stil verfügbar wird das Auto aber erst ab 2021 sein, wie Auto-Experte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler eher kopfschüttelnd bemerkt.

Von Reservierungen will Opel-Chef Jürgen Lohscheller dagegen am im Vergleich zu früheren IAAs deutlich abgespeckten Stand mit Blick auf den elektrischen Corsa nicht sprechen: "Wir berichten, wenn wir im nächsten Jahr die ersten Autos ausliefern." Der Manager ist bester Stimmung, schließlich sieht er Opel nicht nur elektrisch auf dem richtigen Weg, sondern auch bei der Rendite. "Opel erholt sich viel schneller als erwartet." Schon 2019 soll eine Umsatzrendite von sechs Prozent erreicht werden, trotz der hohen Investitionen in die Elektrifizierung der Flotte. Kein Wunder, dass Lohscheller zusammen mit Opel-Markenbotschafter und Werbe-Ikone Jürgen Klopp in die Kameras lacht.

Die konjunkturelle Lage bereitet den Anbietern – zusammen mit der Öko-Kritik – dennoch massive Probleme. "Der schöne Schein kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Branche sich im Krisenmodus befindet", schreiben die Branchenexperten der Privatbank Merck. Bei der Beratungsgesellschaft PWC sieht man die Situation ähnlich: Echte Strukturveränderungen seien im zurückliegenden Jahrzehnt ausgeblieben, meint Branchenbeobachter Felix Kuhnert.

Es gibt aber auch optimistische Stimmen. So glauben die Experten der Denkfabrik Agora Verkehrswende, dass der Wechsel in die neue Welt gelingen kann – wenn die Branche entschlossen auf CO2- Reduktion setzt: "BMW, Daimler und VW können ihre für das Jahr 2021 von der EU vorgegebenen Zielwerte für den Ausstoß von CO2 erreichen." Voraussetzung sei unter anderem eine "Steigerung der Zulassungen von E-Fahrzeugen auf Marktanteile von acht bis 15 Prozent".