V-förmige Erholung in China

Fabian Kretschmer

Von Fabian Kretschmer

Di, 20. Oktober 2020

Wirtschaft

Die chinesische Wirtschaft befindet sich wieder auf Vorkrisenniveau / Auch der Tourismus zieht an.

. Gut ein halbes Jahr nach den massiven Lockdowns in der Volksrepublik ist die Wirtschaft im dritten Quartal um satte 4,9 Prozent im Vorjahresvergleich gewachsen. Sie befindet sich damit wieder auf Vorkrisenniveau.

Rechnet man den nahezu vollständigen Stillstand vom Frühjahr mit ein, so ist das Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen neun Monaten bereits um 0,7 Prozent gestiegen. Ganz gleich, welchen Parameter man heranzieht, die Stoßrichtung zeigt in Richtung V-förmiger Erholung: Die Exporte haben im September im Jahresvergleich um 9,9 Prozent angezogen, die Importe gar um 13,2 Prozent. Die Verkäufe im Einzelhandel stiegen um 3,3 Prozent, die Industrieproduktion um knapp sechs Prozent.

Laut aktuellen Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird China damit als einzige Volkswirtschaft weltweit im laufenden Kalenderjahr mit 1,9 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt ein Plus verbuchen können. Zum Vergleich: Die wirtschaftliche Leistung der Eurozone wird nach Angaben des IWF um 4,3 Prozent schrumpfen. Der ökonomische Erfolg inmitten der Corona-Krise lässt sich nur aufgrund der zuvor getroffenen epidemiologischen Maßnahmen verstehen: China hat das Infektionsgeschehen seit Monaten auf nahezu null gedrosselt. Doch im Vergleich zu Taiwan oder Neuseeland, die die Pandemie derzeit ebenfalls überwunden haben, ist die Volksrepublik mit ihrem 1,4 Milliarden Menschen umfassenden Binnenmarkt und wachsender inländischer Nachfrage zunehmend weniger auf Exporte angewiesen. Damit ist China weniger anfällig für die Einbrüche des Welthandels.

Zu Beginn des Jahres, als das Coronavirus noch unkontrolliert in der Provinz Hubei wütete, implementierten die Behörden die weltweit wohl drakonischsten Lockdowns, welche die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung beschnitten: Millionen standen über Monate vor versiegelten Wohnungstüren und wurden nur von Nachbarschaftskomitees mit Lebensmitteln versorgt. Nach einem nahezu vollständigen Stillstand der Wirtschaft gelang es der Regierung nicht nur, die Wachstumskurve abzuflachen, sondern de facto auf Null zurückzuführen. Gleichzeitig schloss die Volksrepublik ihre Landesgrenzen für ausländische Staatsbürger und verhängte strenge Quarantänebestimmungen für Einreisende. Hunderttausende im Ausland gestrandete Bürger, die über einen festen Wohnsitz in China verfügen, mussten teils mehr als ein halbes Jahr warten, ehe sie zurückkehren durften – trotz negativer Covid-Tests. Entsprechend stark fiel der Wirtschaftseinbruch noch im ersten Quartal aus: Um 6,8 Prozent schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt laut offiziellen Zahlen. In dessen Folge jedoch, nun nahezu virusfrei, konnte das Land seine Wirtschaft ohne angezogene Handbremse wieder hochfahren: Schulen, Büros und Einkaufszentren sind seither wieder vollständig in Betrieb. Während die Industrieproduktion bereits seit Monaten auf Normalniveau läuft, zog der Binnenkonsum erst im Spätsommer wieder an. Das Vertrauen des Konsumenten kehrte allmählich zurück.

Seither hat sich sogar der Tourismus einigermaßen erholen können: Während der Nationalfeiertage in der ersten Oktoberwoche gab es laut Angaben des Kulturministeriums knapp 640 Millionen Reisen, der Umsatz lag bei knapp 59 Milliarden Euro. Das sind etwa drei Viertel im Vergleich zum Vorjahr.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht bei den Verhandlungen zwischen der EU und China über ein Investitionsabkommen noch "große Brocken" auf dem Weg zu einer Einigung. Altmaier sagte bei einer Konferenz des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, es gebe Wachstumspotenzial bei den Beziehungen mit Asien. Wichtig sei aber ein gleichberechtigter Zugang zu Märkten.