Stadtführungen

Nächtliche Rundgänge in Elzach bei Fackelschein

Nikolaus Bayer

Von Nikolaus Bayer

Di, 14. September 2021 um 13:40 Uhr

Elzach

Elzachs Stadtführer Schultes und Nachtwächter berichten bei nächtlichen Rundgängen im Fackelschein über die Stadt bis ins 20. Jahrhundert.

Sie waren in alter Zeit wichtige Amtsträger: Schultheiß und Nachtwächter. Der eine Beauftragter des Stadtherrn fürs niedere Gericht, der andere unbeliebte Ordnungsmacht. In Elzach gibt es sie noch: Seit 2004 führen Philipp Häßler und Thomas Landwehr in deren Montur durch die Stadt. Sie erzählen von Kirche, Herrschaft und städtischem Alltag über acht Jahrhunderte. Künftig blicken sie bis in die 1930-Jahre, wofür mit Karl Uhl erstmals ein Zeitzeuge dabei war.

Stadtgründung um 1290

An der mittelalterlichen Stadtmauer ging es los. Ohne Widerrede verdingte der Schultheiß zwei Zuhörerinnen zu seinen Mägden, um den Leiterwagen zu ziehen. Unter dem Kirchturm von St. Nikolaus hörten die 20 Interessierten von der Stadtgründung um 1290 und dem 1347 erneuerten Stadtrecht. "Andere haben heut’ noch keines", freute sich der Schultes. Er sprach über den Kirchturmbau von 1824 bis 1828, den vormaligen Schlössleturm von 1624 und das vergoldete Doppelkreuz aus dem aufgelösten Kloster Ettenheim, das die Elzacher 1806 zu einem Schnäppchenpreis von 300 Gulden ergatterten.

Das erste Spital

Beim Bürgerhof, heute Volksbank, erinnerte der Nachtwächter an das 1450 von Rompilger Albertus Schleicher gestiftete erste Spital für arme Kranke. Das große Elzhochwasser 1778 spülte die dahinter im Spitalgarten stehende Kapelle weg, deren wiedergefundene Marienstatue dann 1913 in der Neunlindenkapelle ihre neue Heimstatt fand. Im frühen 20. Jahrhundert wurde – welch Wandel – der Bürgerhof zur ersten öffentlichen Versammlungsstätte und Theaterbühne Elzachs. Davor, so berichtete der Schultes, hatte die Stadt gerade "ihre Gründerzeit" erlebt; in nur 50 Jahren, von 1870 an, war sie weit über die jahrhundertelang unveränderten Grenzen hinausgewachsen. Der dortige, Bürgermeister Georg Rapp gewidmete Brunnen erinnere auch daran.

Wo sich das Gewerbe entwickelte

Beim Gang durchs Städtle wird es immer Nacht. Im flackernden Licht entzündeter Fackeln ging es deshalb weiter – zum, zur Überraschung aller, "ersten Gewerbegebiet" der Stadt. Auf dem zugeschütteten Stadtgraben – heute Grabenstraße – fand ab 1820 neues Gewerbe seinen Platz. Öl- und Glasurmühle, Schleifereien, Stadtsäge, Pferdespedition, Weiß- und Rotgerber und eine den Gerbstoff erzeugende Lohmühle, zählte Karl Uhl auf. Beim Metzger stand das untere Tor, der schon 1812 zu wenig Platz hatte, aber acht Jahre streiten musste, bis es fiel.

Viel spielte sich zu allen Zeiten auf dem Nikolausplatz ab. Es herrschte Marktzwang. Wer deshalb außerhalb Handel trieb, wurde – des Prellens der Marktgebühr verdächtig – gleich ins untere Tor gesperrt. Das hier tagende niedere Gericht sorgte für schnelle Urteile.

Wegen Sauferei und Grobheit angekettet

Dieses Mal berichtete der Schultes von einem Nagelschmied, der 1760 ob seiner Sauferei und Grobheit gegenüber der Frau für vier Wochen an den Amboss gekettet wurde – mit allen Folgen. Auch Bildungsnotstand gab es. So hatte man 1828 für 193 Kinder nur einen Lehrer und ein Schulzimmer im gegenüber liegenden Rathaus, heute Heimatmuseum. Im Amtshaus der badischen Verwaltung neben dem Brunnen waltete seit 1806 ein Freiherr von Wittenbach, dessen Namen man in Elzach heute noch begegnet.

Pause bei der Stadtführung war an einem kleinen Schalter, wo die beiden Mägde Bier holen mussten. Am Bärenplatz, am Kreuz der alten Stadtanlage, kam dann der zweite Stadtbrand 1583 zur Sprache. Der Erzherzog in Innsbruck half seinen Untertanen beim Wiederaufbau der vier Quartiere; er verlangte dafür schöne Linien und einheitliche Fensterhöhen. "Heutige Baumeister hören leider nicht mehr auf ihn", merkte da der Nachtwächter an und blickte auf einen Neubau.

Anekdoten aus der Stadtgeschichte

Vor dem 1909 vollendeten Rathaus erzählte er, dass dessen Turm auch an das obere Stadttor erinnern sollte. Es wurde 1832 geschleift und seine Steine zwei Jahre später für das Josefshaus, den ersten Schulbau in Elzach, verwendet. In der Vorstadt hatte es bis in die späten 1930er-Jahre auch eine zweite Brauerei gegeben, was nur wenige, wie Karl Uhl, noch wussten. Im gleichen Haus wohnten danach lange Ordensschwestern; gewissermaßen als Sozialstation für Gottes Lohn. Dem Nachtwächter, gleichermaßen unterbezahlt, kam da noch eine reiche Dame in den Sinn. Agatha von Arco, hieß sie; eine verwitwete Gräfin von Tübingen und Hofdame bei Kaisergattin Maria. Sie hatte um 1508 den "armen Schlucker" Martin von Rechberg, einen Stadtherrn von Elzach, geehelicht und brachte so Geld ins Städtchen. Viel davon sahen die Armen zwar auch nicht. Immerhin, so der Schultes, haben die Schwaben damit aber wenigstens den gotischen Chor von St. Nikolaus bezahlt, der bis heute besteht.

Ihr Ende fand die Tour in der Schmiedgasse am Glauberturm. Seit 1992 schrittweise errichtet, besteht er aus Mauer- und Dachstuhlresten früherer Elzacher Gebäude. Aus ihm heraus verkündeten die Stadtführer einige letzte, auch gewagte Hypothesen, deren Nachweis noch aussteht. Die lachenden Zuhörer konnten sie daher "glauben" oder auch nicht.

Die beiden Stadtführer machen jährlich 15 und mehr zweieinhalbstündige Rundgänge, wann immer eine Gruppe sie bucht (Tel. 07682/7181). Sie tun dies kostenlos, sind einem Obolus aber nicht abgeneigt.