Biotechnologie der Zukunft auf der Bühne

Nanine Linning: "Das kommt wie ein Tsunami auf uns zu"

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Mi, 06. November 2019 um 22:40 Uhr

Offenburg

Am Vorabend der globalen Biotech-Revolution zeigt die Choreographin Nanine Linning, wie wir für die Chancen und Risiken von Biohacking oder CRISPR sensibilisiert sein sollten.

Nanine Linning ist keine Kassandra. Zwar richtet sie als eine der wenigen Künstler heutzutage, da vor lauter Zukunftsangst so viel hilflos nostalgische Rückschau ist, den Blick neugierig in die Zukunft. Sie sieht dort aber nicht den Untergang des Abendlands oder gar die zwangsläufige Apokalypse. Und so ruft sie auch nicht Zeitgenossinen und Zeitgenossen bußpredigend und rabenschwarzmalend zur Umkehr in ewig gestrige Gesellschaftsmodelle auf, sondern erkennt auch die Chancen, die in den Zukunftsverheißungen der Wissenschaft liegen.

Durch höhere Eingebung, so erklärt sie im Gespräch mit der BZ, glaubt sie, dass ihre eigene Lebenserwartung bei 113 Jahren liegen könnte. Doch mittels Biotechnologie würde sie diese Lebensspanne gerne auf 300 Jahre strecken. "Um zu erleben, ob und wie die Menschheit die bevorstehenden Herausforderungen wie die Umweltkrise meistert", sagt sie.

Denn wie die Zukunft der Menschheit aussehen könnte, interessiert sie brennend am Vorabend der massenwirksamen Epiphanie von Bionik, Robotik, Künstlicher Intelligenz, Kybernetik, Biohacking, des DNA-Modellings namens CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) oder Cryologie. Chancen und Risiken dieser schönen neuen Welt der Humanoptimierung will die 1977 in Amsterdam geborene Choreographin in ihrer Kunst auf verführerisch sinnliche Weise mit ihrem Publikum verhandeln. Deshalb bespielt sie mit ihrem internationalen Profi-Ensemble, das von Tänzerinnen des Offenburger Ballettstudios Gründler unterstützt wird, und in einem Setting zwischen Museum und Bühne von Freitag an eine riesige Fläche von mehr als 1000 Quadratmetern auf dem Offenburger Georg-Dietrich-Areal. Unter dem Titel "Double Helix / Zukunftslab Offenburg" will die Choreographin ihr Publikum in einer Mischung aus Tanzvorstellung und Museumsausstellung Magie und Angst hautnah fühlen lassen, die die Möglichkeiten der bevorstehenden Biotech-Revolution bei uns Menschen auslösen. "Das kommt wie ein Tsunami auf uns zu", ist Nanine Linning überzeugt, die ihr Publikum aufrütteln und zu einem Diskurs über die ethischen Fragen dahinter anregen möchte.

In den ehemaligen Großraumbüros der früheren Spedition Dietrich am nördlichen Stadteingang neben der B 3, deren gigantische Nutzfläche schon kunsteventerprobt sind, werden Zuschauergruppen à 50 Personen auf eine Reise durchs Halbdunkel geschickt. Über vier Räume sind 15 Installationen verteilt, in denen Tänzerinnen und Tänzer Symbiosen mit technoiden Settings eingehen.

"Wollen wir mit Künstlicher

Intelligenz Liebe machen?"

Choreographin Nanine Linning

Der Mensch steht im Zentrum – auch des ersten Raums. Altarähnlich zentral ist dort ein Aquarium gestellt, in dem sich eine Tänzerin während des rund 15-minütigen Aufenthalts des Publikums bewegt. Man kann das Aquarium auch als Vitrine sehen. Die menschliche Kreatürlichkeit ist in diesem Setting, das eine retrospektive Museumssituation im Biotech-Zeitalter anklingen lässt, noch einmal in puristischer Reinform exponiert. Das umgebende Wasser kann man auch als konservierende Formaldehydlösung lesen. Wie die Tänzerin unter Wasser atmet? "Das bleibt mein Geheimnis", sagt Nanine Linning und lacht. Im selben Raum gibt es sogenannte Talking Heads. Videokünstler Bart Hess projiziert Nanine Linnings Gesicht zur Maske verfremdet auf die Wände. Zu ihren Lippenbewegungen erklingen O-Töne von Visionären wie Albert Einstein, Elon Musk, Hippokrates und Jane Goodall, die erklären, wie sie sich die Zukunft und den Platz von Mensch und Gott darin vorstellen.

Können und wollen wir uns in Zukunft durch Biohacking optimierte Wunschkinder bestellen? Können oder wollen wir mit Künstlicher Intelligenz Liebe machen, die uns mehr befriedigt als das mühselige Programmieren und Manipulieren eines Partners in der analogen Welt? Wenn wir schon 3 D-Fernseher haben, warum können die Charaktere der Filme dann nicht auch wirklich in unser Leben treten und wir Teil des Films werden? Solche und weitere Fragen schiebt "Double Helix /Zukunftslab Offenburg" seinem Publikum quasi beiläufig unter die Haut.

Die Anregungen können auch diskutiert werden: So ist am Sonntag, 10. November um 15 Uhr auf dem Georg Dietrich-Areal (Am Güterbahnhof 1) zum Thema "Grenzenlose Selbstoptimierung – Quo Vadis Ethik?" Jappe Groenendijk (Amsterdam) eingeladen, über "Bioethics: The ethics and politics of biotechnology" zu sprechen. Der Eintritt ist frei.
Freitag, 8.November, 19 bis 20 Uhr (Uraufführung) und 19.45 bis 20.45 Uhr; Samstag, 9. November, 19 bis 20 Uhr, 19.45 bis 20.45 Uhr, 20.30 bis 21.30 Uhr, 21.15 bis 22.15 Uhr; Sonntag, 10. November, 16 bis 17 Uhr, 16.45 bis 17.45 Uhr, 17.30 bis 18.30 Uhr, 18.15 bis 19.15 Uhr ; Donnerstag, 28. November, 19 bis 20 Uhr, 19.45 bis 20.45 Uhr, 20.30 bis 21.30 Uhr; Freitag, 29. November, 19 bis 20 Uhr, 19.45 bis 20.45 Uhr, 20:30 bis 21.30 Uhr, 21.15 bis 22.15 Uhr; Samstag, 30. November, 19 bis 20 Uhr, 19.45 bis 20.45 Uhr; 20.30 bis 21.30 Uhr, 21.15 bis 22.15 Uhr.

Tickets gibt es im Bürgerbüro, Offenburg, Tel. 0781-822000 oder unter http://www.kulturbuero.offenburg.de