Nawalny zum ersten Mal seit Wochen wieder zu sehen

dpa

Von dpa

Fr, 30. April 2021

Ausland

Kreml-Gegner bezeichnet sich nach seinem Hungerstreik als "Skelett" / Scharfe Kritik an Präsident Wladimir Putin.

Mit knöchernem Gesicht und kahlgeschorenem Kopf ist der von seinem dreiwöchigen Hungerstreik geschwächte Kreml-Gegner Alexej Nawalny erstmals wieder zu sehen. Bei dem Auftritt per Videoschalte aus seinem Straflager am Donnerstag holt der 44-Jährige einmal mehr zu einem Angriff auf Präsident Wladimir Putin aus. Jedes Kind sehe inzwischen, dass der Kremlchef ein "nackter Kaiser" sei, der sein Land ausplündere, die Menschen ihrer Zukunftsperspektiven beraube und sich an die Macht klammere, sagt Nawalny mit geschwächter Stimme.

Sein Vertrauter Leonid Wolkow, der im Ausland lebt, berichtet, die Regionalstäbe der Oppositionsbewegung im ganzen Land würden nun unter dem Druck des Vorgehens der russischen Justiz geschlossen – als Reaktion auf ein Verfahren wegen angeblichem Extremismus. Wann das Urteil dazu fällt, ist nicht klar. Allerdings haben Staatsanwaltschaft und das Gericht schon Organisationen der Bewegung lahmgelegt, auch Teile von Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung.

Nawalnys Juristen fordern, den "Geheimprozess" zu öffnen und die Unterlagen mit den Anschuldigungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch solche Appelle wie auch die internationalen Aufrufe für eine Freilassung prallen an den Kremlmauern ab.

Nawalny nutzt aber bei einem am selben Tag angesetzten Berufungsprozess in einem anderen Verfahren die Gelegenheit, um einmal mehr Machtmissbrauch und Justizwillkür unter Putin zu beklagen. In seinem Schlusswort spricht er gewohnt ironisch, wenn auch weniger kräftig als zuletzt: "Ich möchte sagen, mein liebes Gericht, dass Ihr Kaiser nackt ist."

Nawalny wiegt nach dem Hungerstreik nur noch 72 Kilo

Nawalny beklagt Missstände im Bildungs- und Gesundheitswesen, kritisiert, dass die Rohstoffmacht trotz Milliardeneinnahmen aus Öl und Gas nicht vorankomme. Hunderttausende verließen das Land, um anderswo eine bessere Zukunft zu suchen.

Um sein Straflager in Pokrow, rund 100 Kilometer östlich von Moskau, gebe es kaum ordentliche Straßen; das durchschnittliche Einkommen liege bei 30 000 Rubel (rund 330 Euro). Richterin Natalja Kuryschewa unterbricht ihn immer wieder; doch redet Nawalny aus, bevor sie ihm sagt, dass seine Berufung gegen ein Urteil wegen Beleidigung eines Veteranen des Zweiten Weltkrieges abgewiesen ist. Sie sieht es als erwiesen an, dass Nawalny den Mann als "Verräter" beleidigt habe. Kuryschewa bestätigt auch die Strafe: 850 000 Rubel (9400 Euro).

72 Kilo wiegt Nawalny nach seinem Hungerstreik nur noch. "Ich sehe natürlich aus wie ein Skelett." Er erwarte eine wochenlange Phase, um unter ärztlicher Beobachtung wieder zu Kräften zu kommen. "Gestern hatte ich vier Löffel Brei, heute werde ich sechs haben und warte nun auf zehn."