Nellie Nashorn bekommt 408 Punkte

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Di, 11. Februar 2020

Lörrach

Kulturzentrum Nellie Nashorn lässt sich von Gemeinwohl-Ökonomie testen / Plädoyer gegen endloses Wachstum.

LÖRRACH. Nicht Profitstreben, Gewinnmaximierung und endloses Wirtschaftswachstum dürfen das Wirtschaftsleben bestimmen, sondern Menschenwürde, Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit, wenn wir unseren Kindern und Enkel eine lebenswerte Welt erhalten wollen. Das ist jedenfalls die Auffassung der Vertreter der Gemeinwohl-Ökonomie, die Unternehmen auf ihre Ausrichtung am Gemeinwohl testen. Das Nellie Nashorn hat sich diesem Test unterzogen.

Gitta Walchner, diplomierte Betriebswirtin und Gemeinwohl-Auditorin aus Freiburg, stellte die Gemeinwohl-Ökonomie vor. Weltweit am 29. Juli, in Deutschland sogar schon am 3. Mai, haben die Menschen die Ressourcen, also Bodenschätze, Energie und so weiter, aufgebraucht, die bei nachhaltiger Wirtschaftsweise für ein ganzes Jahr reichen müssten, sagte sie. Neben Klimawandel und Umweltverschmutzung bedrohen auch soziale Probleme die Gesellschaft.

"Die Klimakatastrophe ist die bedrohlichste Folge des freien Marktes und das direkte Ergebnis des Strebens nach unendlichem Wachstum", sagte Gitta Walchner. Die Zerstörung der Umwelt wurde schon vor Jahrzehnten prophezeit, trotzdem sind die Menschen nicht in der Lage, etwas zu ändern. Schuld daran sind Bürger, Politik und Wirtschaft gleichermaßen, denn ein Rädchen greift ins andere, stellte Gitta Walchner fest. Man müsse die Wirtschaft einbetten in Natur, Gesellschaft und Wissenschaft und sich von durch nichts belegten Glaubenssätzen wie endlosem Wirtschaftswachstum verabschieden.

Ethische Werte wie Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung müssen ein stärkeres Gewicht bekommen, sagte sie. "Eine Wirtschaft, die nur auf Geldgewinn ausgerichtet ist, ist widernatürlich", zitierte sie den altgriechischen Philosophen Aristoteles. Und in der bayrischen Landesverfassung steht: "Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl." Umgesetzt werde das nicht. Geld sei nur Mittel zum Zweck, bei allem müsse die Frage gestellt werden, was bringe das dem Gemeinwohl, betonte Walchner. Doch Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, haben Nachteile in Form von höheren Kosten, während die anderen auf die Folgekosten auf die Gemeinschaft abwälzen. Die Gemeinwohl-Ökonomie bewertet Firmen unter den genannten Gesichtspunkten. 400 Unternehmen in Deutschland haben sich dem unterzogen.

Hartmut Schäfer erläuterte die Vorgehensweise. Bei einer Bestandsaufnahme müssten Bilanzen, Lieferverträge und andere Dokumente vorgelegt werden. Dann wird alles anhand einer Matrix mit 20 Gesichtspunkten, darunter die CO2-Bilanz, bewertet. Mit dem soziokulturellen Zentrum Nellie Nashorn habe er fünf große Gespräche geführt, berichtete Schäfer. Dabei ging es um sehr unterschiedliche Dinge von der Art der Heizung bis zum Umgang mit Mitarbeitern und der Anlage der Finanzen. Positiv schlug zum Beispiel zu Buche, dass im Nellie der Geschäftsführer nur das 1,7-Fache des Mitarbeiters mit dem geringsten Lohn verdient.

Danach bewerten externe Auditoren alles, wer ein Testat möchte, muss es auch veröffentlichen. Wer sich um Dinge wie Gemeinwohl und Nachhaltigkeit gar nicht kümmert, erhält null Punkte, erklärte Schäfer. Unternehmen, die sich gemeinwohlschädlich verhalten, können negative Punkte bekommen. Das Nellie Nashorn erreichte 408 von maximal 1000 Punkten. Ein Zuhörer meinte, er hätte mehr erwartet. 408 sei ziemlich gut, antworteten Schäfer und Walchner. Philipp Bachmann, Vorsitzender der Freunde des Nellie Nashorn, verlas das Resümee des erkrankten Geschäftsführers Patrick Dengl, der betonte, es sei gut, ein Bild von außen zu bekommen. "Wir haben viel über uns gelernt und gemerkt, dass Vieles noch ausbaufähig ist", sagte Bachmann.