Glocken in Holz gefasst

Neuer Kirchturm an St. Georgskirche

Nikolaus Bayer

Von Nikolaus Bayer

Mo, 26. Oktober 2020 um 19:04 Uhr

Gutach im Breisgau

Das Ensemble aus Kirche und Turm in Bleibachs Ortsmitte ist wieder vollständig – in moderner Form. Gotischer Chor, Kirche mit zeltförmigem Dach und Campanile bilden eine harmonische Einheit.

Nach vielen Jahren beharrlichen Bemühens der Pfarrgemeinde hat die Dorfkirche St. Georg in Bleibach wieder einen Kirchturm. Zugleich hat die Schwarzwaldgemeinde ein neues Wahrzeichen erhalten. Das helle, ganz aus Holz gefertigte Bauwerk im Schnittpunkt des Zweitälerlands ist weit sichtbar. Es hat schon einen Architekturpreis bekommen. Allein seine kirchliche Weihe steht noch aus. Denn gleich zweimal musste sie in diesem Jahr verschoben werden.

Seit ihrem Abriss und Neubau in den Jahren 1977/78 hatte die St. Georgskirche keinen Glockenturm mehr. Das Geläut befand sich seitdem in einem provisorischen Glockenstuhl über dem denkmalgeschützten Chor aus dem Jahr 1514. Das jedoch bereitete zunehmend Probleme. Die Glockenschwingungen griffen das Natursteinmauerwerk des Chorgewölbes an. Die niedrigere Höhe der Glockenstube verhinderte eine optimale Schallausbreitung und der Zugang – nur über eine hohe Leiter aus dem Kirchenraum – entsprach nicht mehr den Unfallverhütungsvorschriften. Eine Verlegung wurde deshalb unumgänglich.

Mit dem neuen Turm – in achtmonatiger Bauzeit bis Ende 2019 errichtet – ist dies nun erreicht. Der 33 Meter hohe, freistehende Campanile bildet im Grundriss die Form eines Dreiecks, das für hohe Stabilität und Festigkeit sorgt. Dessen komplette Konstruktion aus Holz kann die dynamischen Lasten der vier schwingenden Glocken aufnehmen und sie über das Fundament abtragen. Die Wände des Turms, zwölf Zwischenpodeste und die Treppe sind ausschließlich aus heimischer Weißtanne gefertigt. 60 Stufen führen zunächst auf eine Aussichtsebene in 15 Meter Höhe. Darüber befindet sich die sechs Meter hohe Glockenstube, in der vertikal aufgefächerte Lamellen an der Fassade jetzt auch für eine gelenkte Ausrichtung des Schalls sorgen. Innovativ an dem Turm ist, dass für seine hinterlüftete Fassade und Dacheindeckung Accoya verwendet wurde. Dieses tropische, kiefernartige Holz zeichnet sich durch seine natürliche Beschaffenheit aus und weist eine hohe Dauerhaftigkeit und Schädlingsresistenz auf.

Dreiecksform als Symbol der göttlichen Dreifaltigkeit

Der neue Glockenturm trägt auch eine religiöse Inspiration in sich. Das Dreieck steht im christlichen Glauben für die Dreifaltigkeit. Pfarrer Rolf Paschke ist deshalb vom Turm und seiner Verbindung mit der Kirche sehr angetan. "Zusammen bilden sie ein harmonisches Ganzes", so sein Lob. "Beide Bauwerke stehen für die Dreifaltigkeit und St. Georg mit der Zeltform für das pilgernde Gottesvolk in der Zeit". Eine Einschätzung, die auch Michael Eh, der langjährige Pfarrgemeinderatsvorsitzende, teilt. Er hebt dabei Architekt Klaus Wehrle hervor, der den Turm in dieser Form entworfen und für die Pfarrgemeinde kostenfrei geplant hat.

Wehrle und sein Bleibacher Architekturbüro Werkgruppe 1 haben dafür kürzlich auch fachliche Anerkennung erhalten. Der Kirchturm wurde gleich zweimal mit dem international beachteten Iconic Award 2020 ausgezeichnet. Honoriert wurden Materialwahl und Turmgestaltung, bei der die Einbeziehung des natürlichen Lichts ebenfalls eine Rolle spielte. Durch die Dreiecksform steht meist nur eine Fassade in der Sonne. Damit werde die Tageszeit an der Hülle ablesbar, so das Büro. Zudem ermöglichen die vertikalen Sicht- und Luftschlitze das gleichmäßige Eindringen des Sonnenlichts ins Turminnere. Auf der Höhe der Aussichtsplattform lassen sich alle Wände über Holzschiebeläden öffnen. Für jeweils 15 Personen bieten sich dort Ausblicke in alle umliegenden Täler, womit auch das Ziel eines Multifunktionsturms erreicht worden ist.

Die Pfarrgemeinde bemühte sich um diesen Turm schon mehr als drei Jahrzehnte und wurde dabei durch begrenzte Finanzmittel immer wieder aufgehalten. Schon in den 1990er Jahren hatte es im Pfarrgemeinderat einen Beschluss gegeben, den Bau bei besserer Finanzlage anzugehen. 2003 wurde dafür eigens ein Kirchenbauverein gegründet. 2010 glaubte man so weit zu sein und stellte einen Antrag beim Erzbischöflichen Ordinariat. Doch erst nach einer Inspektion des Glockeninspekteurs 2012, der einen Turmbau für unumgehbar hielt, wurde die Planung für einen separaten Campanile erlaubt. Damit verbunden war aber die Vorgabe der Selbstfinanzierung; Zuschüsse aus kirchlichen Baumitteln hatte die Pfarrgemeinde also nicht zu erwarten. Eine weitere Debatte entspann sich dann noch um den Standort. Der Turm sollte – nach einem Planentwurf des erzbischöflichen Bauamts – zunächst auf dem Bleibacher Denkmalplatz stehen. Da der Platz zur Hälfte der politischen Gemeinde gehört und der Gemeinderat dies umgehend ablehnte, blieb jedoch allein der jetzige Standort auf Kirchengrund. Wie Michael Eh berichtet, war dies auch der Zeitpunkt, in dem Architekt Wehrle, selbst Mitglied im Kirchenbauverein, mit der Planung beauftragt wurde. 2015 wurde die Bevölkerung in Form eines Arbeitskreises Glockenturm eingebunden. In ihm entstand dann auch die Idee eines Turms mit mehreren Funktionen. Im Schnittpunkt des Zweitälerlandes sollte er ebenso als Aussichtsturm genutzt und – neben dem Beinhaus von 1720 – für den Tourismus genutzt werden. Er sollte den Walderlebnispfad "Vom Wald zum Holz" thematisch ergänzen. Und Nistplätze für Vogel- und Fledermausarten sollten entstehen, die im Turmhelm nun auch eingerichtet wurden.

Finanzierung durch Spenden und ein Landesprogramm

Eine Einschränkung behält aber der neue Turm. Sein Glockenschlag wurde durch die Baugenehmigung allein für sakrale Zwecke gestattet. Zu den festen Uhrzeiten müssen die Glocken also stumm bleiben. Für Michael Eh, der all das miterlebt hat, ist dies unverständlich: "Im alten Turm hatte das Schlagen der Uhr jahrzehntelang ja nie in Frage gestanden."

Zu bewältigen bleibt nun noch die Finanzierung. Die Gesamtbaukosten allein des Turms belaufen sich, wie Architekt Wehrle mitteilt, auf 522 000 Euro. Aus einem Holzbauinitiativprogramm des Landes hat er dafür eine Zuschusszusage von 100 000 Euro für den Turm erhalten. Der Rest wurde mit Mitteln des Kirchenbauvereins und einem Darlehen gedeckt. Die Kirchengemeinde ist damit noch auf Spenden angewiesen. Sponsoren können dabei symbolisch eine der Treppenstufen "kaufen" und sich durch ein Namensschild darauf in Erinnerung halten.

Pfarrer Rolf Paschke hofft jetzt darauf, dass die Einweihung des Bleibacher Kirchturms bald nachgeholt werden kann. Als neuer Termin ist der 25. April 2021 vorgesehen, an Patrozinium von St. Georg.