Interview

Neustart im Handwerk kommt nach Corona-Krise nur stotternd in die Gänge

Bernd Peters

Von Bernd Peters

So, 13. Juni 2021 um 12:28 Uhr

Südwest

Als "temporäres Tal der Tränen" beschreibt Johannes Ullrich die Situation. Ullrich und Handirk von Ungern-Sternberg von der Handwerkskammer sprechen im Interview über gestörte Lieferketten nach Corona.

Der erhoffte Neustart im Handwerk nach der Corona-Krise kommt nur stotternd in die Gänge. Lokal wirkt sich aus, was international an Störungen wichtiger Lieferketten für Unruhe sorgt. Die Zeiten, in denen ein geplatzter Sack Reis in China uns nicht interessiert hat, sind vorbei, wie im Gespräch mit Johannes Ullrich, Präsident der Handwerkskammer (HWK) Freiburg, und dem HWK-Bereichsleiter Unternehmensservice, Handirk von Ungern-Sternberg, schnell klar wird.

Der Sonntag: Herr Ullrich, Herr von Ungern-Sternberg, das ersehnte Licht am Ende des Corona-Tunnels ist deutlich zu sehen. Kommt auch im Handwerk jetzt die schnelle Erholung?

Ullrich: Leider noch nicht. Wir haben gerade aktuell die Geschäftserwartungen unserer Mitglieder abgefragt, und die werden eher schlechter als besser. Zu Beginn des Jahres berichteten 38 Prozent der Betriebe über alle Branchen hinweg über rückläufige Umsätze. Jetzt liegt die Zahl bei über der Hälfte. Und auch die Erwartungen für die nahe Zukunft sind eher verhalten. Die Auftragslage melden die Betriebe ebenfalls als schlecht an uns zurück. Das große Stimmungsbild ist nicht gut. Das Hauptproblem ist die Rohstoffknappheit, die Ausmaße annimmt, die ich nie erwartet hätte. Da müssen Baustellen eingestellt werden, weil einfach das Material fehlt. Holz, Stahl, Kunststoffrohre, alles wird knapp. Wir hatten gerade ein Beispiel von einer Baustelle, auf der die WC-Rohre nicht verlegt werden konnten, weil es keine Knicke für die Rohrführung gab. Da müssen Betriebe trotz voller Auftragsbücher Kurzarbeit anmelden.
Johannes Ullrich ist seit 2014 Präsident der Handwerkskammer Freiburg. Neben diesem Ehrenamt führt der 1962 in Freiburg geborene Meister im Maler- und Lackierer-Handwerk seit 1999 ein 1926 gegründetes Familienunternehmen. Seit 2014 ist Ullrich zudem Vorsitzender des Landesausschusses Europa des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT).

Der Sonntag: War solch eine Entwicklung absehbar?

Ullrich: Wir scheitern da ein wenig an der Globalisierung. Weltweit sind Lieferketten und Produktionsprozesse gestört. Man sieht, dass immer nur auf Abruf produziert wird. Die Probleme haben wir nicht nur in Deutschland. Aber man spürt zum Beispiel die Auswirkungen des Konjunkturprogramms in den USA. Da wird ja vor allem mit Holz gebaut, und die USA haben zusammen mit China die Märkte praktisch leer gekauft. Das kommt direkt bei uns in Freiburg in Form von fehlenden Rohstoffen an. Manche Holzprodukte sind um 300 Prozent teurer geworden. Stahl kommt aus Indien und China und wird derzeit zum Tagespreis gehandelt. Es wird sich zwar alles wieder normalisieren. Aber all diese Auswirkungen schlagen gerade unmittelbar bei uns ein.

von Ungern-Sternberg:
Beim Holzpreis kommen auch Umweltaspekte dazu. Kanada hat den Einschlag heruntergefahren, einige Länder wie Russland schotten ihre Holzmärkte derzeit auch massiv ab. Also hat sich die Nachfrage nach Europa verlagert. Und da wird dann eben zu den Preisen geliefert, die am Weltmarkt in den USA oder in Südostasien gezahlt werden. Kleine Handwerksbetriebe, die am Ende der Lieferkette stehen, können da aber nicht mehr mithalten. Wir kommen in eine Schieflage auf dem Bau, der ja zunächst von der Corona-Krise gar nicht so stark betroffen war.
Handirk von Ungern-Sternberg (35) ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Handwerkskammer Freiburg und leitet den Geschäftsbereich Unternehmensservice. Er hat an den Universitäten Tübingen und Freiburg Volkswirtschaftslehre studiert und promoviert.

Der Sonntag: Machen sich dabei auch internationale politische Verwerfungen bemerkbar?

Ullrich: Klar. Mir war früher persönlich relativ egal, ob sich Donald Trump und Wladimir Putin gut oder schlecht verstehen. Aber politische Konflikte wirken sich aus, und man sieht, wie eng die Welt vernetzt ist. Man darf gleichzeitig nicht übersehen, wie ausgelastet die Betriebe vor der Krise waren und wie viel es auch künftig zu tun geben wird. Es ist ein temporäres Tal der Tränen, durch das wir da im Moment gehen müssen.

von Ungern-Sternberg:
Durch Corona gab es eine Zurückhaltung beim Thema Investitionen, die jetzt wieder anziehen. Das war aber nur Teil einer vielschichtigen Konstellation, bei der auch eine Havarie im Suez-Kanal Folgen bis vor die eigene Haustür hat.

Der Sonntag: Wird Corona die gefürchtete Insolvenzwelle nach sich ziehen?

Ullrich: Valide Zahlen gibt es noch nicht. Man hört natürlich von Einzelschicksalen. Aber erst wenn die Insolvenzpflicht wieder greift, wird man es genau wissen. Handel und Gastronomie werden im Bereich der IHK-Berufe auch stark getroffen werden. Ich denke schon, dass im Handwerk kleinere Betriebe wie manche Kosmetikerinnen oder Friseure nicht überleben werden. Oder manche mittelständischen Autohändler. Wir müssen das beobachten. All die Bereiche, die in der akuten Corona-Situation massiv betroffen waren, also Friseure oder auch Reinigungsbetriebe und so weiter, werden nun grundsätzlich wieder anziehen. Auch das Kfz-Handwerk erholt sich wieder, wobei es alle Hände voll zu tun hat mit dem Strukturwandel der Kfz-Industrie. Ein Problem ist auch, dass manche Betriebe Soforthilfen relativ flott wieder zurückzahlen müssen, wenn es ihnen nun besser geht. Da wird dann auch nicht berücksichtigt, wenn beispielsweise ein Friseur seine private Altersvorsorge in der Krise in den Betrieb gesteckt hat. Da müssen wir schon genau hinschauen, was da auf die Unternehmen zukommt, denn das tut natürlich weh. Man kann sagen: Die ganze Gemengelage ist derzeit nicht wirklich gut.

von Ungern-Sternberg:
Es ist Sand im Getriebe. Auch durch fehlende Baugenehmigungen oder Aufträge der öffentlichen Hand, die langsamer kommen als erwartet. Perspektivisch sehen wir aber, dass dieser Sand im Getriebe auch wieder verschwindet. Die Aussichten sind langfristig gut! Gerade in Krisenzeiten gibt es auch eine Konjunktur für Selbstständigkeit und Unternehmensgründungen. Allein die Aufgaben im Bereich der Gebäudesanierung, bei Infrastrukturmaßnahmen und beim Thema Elektromobilität sorgen dafür, dass das Handwerk gute Zeiten vor sich hat. Wir sind ein unabkömmlicher Problemlöser in der Gesellschaft für Themen wie die Energie- und Mobilitätswende. Ohne Handwerk geht das alles nicht.

Ullrich:
Wir werden dieses Jahr im Vergleich zu 2020 hoffentlich wieder steigende Ausbildungszahlen zu vermelden haben. Ein gutes Zeichen ist, dass auch junge Menschen mit höherem Bildungsabschluss nachweislich stärker ins Handwerk gehen wollen. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe bleibt hoch.

Der Sonntag: Es ist ja sehr viel Schule ausgefallen zuletzt. Manche reden schon von der "verlorenen Generation". Wie bewerten Sie das denn aus Sicht der Handwerkskammer?

Ullrich: Die praktische Ausbildung lief ja weiter im Handwerk. Um das Defizit im theoretischen Bereich aufzuarbeiten, werden wir Zusatzqualifikationen anbieten. Auch über den Moment hinaus, denn die Anforderungen werden eh höher, beispielsweise im Zusammenhang mit dem ökologischen Umbau in vielen Lebensbereichen.

Der Sonntag: Krisen sind für Kammern und Verbände auch Zeiten, in denen politische Forderungen Konjunktur haben. Wie bewerten Sie das Krisenmanagement der letzten Monate?

Ullrich: Am Anfang fand ich es gut. Man musste auf eine neue Situation reagieren. Über die Dauer haben wir es dann aber zunehmend mit Regularien zu tun bekommen, die für die Betriebe einfach realitätsfremd waren und sind. Die Überregulierung in Deutschland ist eher schlimmer als besser geworden. Und natürlich hat die Glaubwürdigkeit gelitten unter Themen wie der Maskenaffäre oder unter überzogenen Versprechungen. Man darf nicht die "Bazooka" ankündigen und dann eine Platzpatrone abliefern. Ich hoffe, die Politiker lernen daraus.

von Ungern-Sternberg:
Ein Beispiel: Die Testangebotspflicht war noch keinen Tag alt, da wurde sie schon von einem auf zwei Angebote pro Woche nachgeschärft. Es gab viel hin und her politischer Entscheidungen, vor allem in der zweiten Hälfte der Pandemie. Es war unheimlich schwierig, Rechtslagen zu klären, zumal von der Politik oftmals Rückfragen einfach nicht beantwortet wurden. Gleichzeitig wollen wir hier kein "Politiker-Bashing" betreiben. Uns ist schon klar, dass das eine schwierige, neue Situation war. Unsere Rolle als Kammer ist es, in so einer Situation die Bedürfnisse und Interessen der Betriebe gegenüber der Politik zu kommunizieren.

Ullrich:
Und da hatten wir beispielsweise in den Gesprächen mit dem Ministerpräsidenten den Eindruck, dass das auch gut funktioniert hat und dass auch gefragt wurde, was wir in der aktuellen Lage benötigen.