Studie

Wie gut erinnern sich Patienten an Übungen bei der Physiotherapie?

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

So, 18. Oktober 2020 um 11:30 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Wie ging das noch einmal? Manchmal vergessen Patienten, was ihnen der Therapeut gezeigt hat. Zwei Freiburger Physiotherapeuten haben daher untersucht, wie gut Patienten sich an Übungen erinnern.

Kommt ein Patient zum Physiotherapeuten... und weiß nicht mehr, welche Übung ihm der Therapeut beim vergangenen Termin gezeigt hat. Oder wofür genau die gut sein soll. Wie ging die Bewegung noch mal? Und stärkt das den unteren Rücken? Entspannt ihn? Längt die Muskeln?

"Wir haben in den vergangenen 20 Jahren unserer klinischen Erfahrung den Eindruck gewonnen, dass Patienten oft nicht hören, verstehen oder erinnern, was wir Therapeuten ihnen sagen", sagt Georg Supp, Physiotherapeut im Physiotherapie und Lauftherapie Zentrum (Pulz) Freiburg. Deshalb haben er und sein Kollege Wolfgang Schoch beschlossen, diesem Phänomen einmal auf den Grund zu gehen – streng wissenschaftlich.

Ergebnis der Studie hat die Autoren überrascht

Das Ergebnis ihrer Studie ist in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Physiotherapie Research International erschienen und hat auch die Studienautoren überrascht. "Die Idee zur Studie war bei uns vor allem dadurch motiviert, dass wir die Kommunikation mit unseren Patienten verbessern könnten", erzählt Supp.

Die Physiotherapeuten verteilten dafür Fragebögen. Einmal an Patienten, die gerade ihren ersten Termin wahrgenommen hatten. Darin sollten diese etwa angeben, welche Informationen sie vom Therapeuten bekommen haben, für wie relevant sie diese erachteten und wie zufrieden sie nach dem ersten Tag waren.

Auch die Therapeuten füllten Fragebögen aus und gaben an, welche Übungen sie dem Patienten gezeigt hatten und wie erfolgreich sie diese vermitteln konnten. Die 90 Fragebogenpaare wurden jeweils miteinander verglichen. Darüber hinaus haben die Studienautoren 14 qualitative Interviews mit Patienten geführt, also Gespräche. Die Daten wurden an fünf Zentren in Freiburg, Eichstetten und Zürich erhoben.

"Entgegen unserer Hypothese haben wir weniger Diskrepanzen gefunden als erwartet" Georg Supp
"Entgegen unserer Hypothese haben wir weniger Diskrepanzen gefunden als erwartet", sagt Supp. Wenn dem Patienten eine Übung mitgegeben wurde, konnten sich demnach 100 Prozent der Studienteilnehmer daran erinnern. Bei zwei Übungen waren es noch 97 Prozent, bei drei konnten noch 67 Prozent alle benennen. "Für uns ist eine Konsequenz aus diesen Erkenntnissen, dass wir uns darauf beschränken, den Patienten pro Termin zwei, höchstens drei Informationen oder Übungen mitzugeben", sagt Supp.

"Shared Decision Making" kommt bei Patienten gut an

Zudem habe man aus den Interviews erfahren, wie sehr die Patienten das "Shared Decision Making" schätzen. Bei dieser partizipativen Entscheidungsfindung bezieht der Physiotherapeut den Patienten bewusst mit ein in das Finden einer physiotherapeutischen Diagnose und der daraus resultierenden Behandlungsstrategie.

Es ist in Deutschland ungewöhnlich, dass Physiotherapeuten forschen und eine Studie publizieren. Supp und Schoch hat das wissenschaftliche Arbeiten Spaß gemacht, sie haben schon das nächste Projekt im Visier: "Uns würde brennend interessieren, was Patienten denken, warum ihnen eine bestimmte Übung geholfen hat", sagt Supp.