Obst und Beeren für alle

André Anwar

Von André Anwar

Di, 26. November 2019

Ausland

Kopenhagen will auf Spielplätzen, an Altenheimen und in Parks zum Selberpflücken einladen.

STOCKHOLM/KOPENHAGEN. Was werden die dänischen Obsthändler wohl dazu sagen? In den Straßen von Kopenhagen sollen die Bürger bald ganz wie draußen in der Natur oder im eigenen Garten Früchte und Beeren pflücken und vernaschen dürfen – auf Spielplätzen, an Schulen, Kindergärten und Altenheimen, in Sportanlagen und Erholungsparks, an allen Orten, die eine Großstadt so ausmachen. Und das alles umsonst.

Dies haben die Parteien im Stadtrat ohne Gegenstimmen beschlossen. In einem ersten Schritt sollen Fruchtbäume und beerentragende Sträucher bei einer neuen Stadtbegrünung immer den sonst üblichen Pflanzen vorgezogen werden.

"Zunächst sind die Parks und Spielplätze und andere eher grüne Gebiete dran. Dann langsam auch der Rest. In autofreien Straßen sollen die dort lebenden Bürger selbst die Möglichkeit bekommen, in Absprache mit der Stadt Obst anzubauen", sagt Mitinitiatorin Astrid Aller der Badischen Zeitung.

"Die meisten Kopenhagener haben ja keine eigenen Gärten. Zudem ist es ein Mittel, um die Stadt erlebnisreicher und lebenswerter zu machen. Für viele ist der öffentliche Raum ja eher ein Ort, in dem man von A nach B kommt, etwa zur Arbeit. Die Früchte können eher zu einem Innehalten und zum Aufenthalt im öffentlichen Raum beitragen", sagt sie. "Das Ganze klingt nach einer kleinen Sache, aber ich denke, die Idee dahinter ist größer. Wir wollen eine Stadt, in der man nicht nur daheim, im Auto oder auf der Arbeit ist", sagt sie.

In größeren Naherholungsgebieten wie der Amager Wiese oder dem Naturparkgebiet Utterslev Mose soll bei der Befruchtung Kopenhagens auf das Ökosystem und die Vielfalt Rücksicht genommen werden. Dort sollen laut dem Plan nur einheimische Sorten angepflanzt werden, wie Wildäpfel, Holunder, Johannisbeeren und Himbeeren.

In den Stadtparks und Friedhöfen sollen aber neben heimischen Arten auch kultivierte Früchte wie Äpfel, Birne, Kirschen und Stachelbeeren angebaut werden. An Schulen, Kindergärten, Pflegeheimen und Spielplätzen sollen sowohl einheimische als auch andere Pflanzen mit essbaren Fürchten angepflanzt werden. Laut der Stadt Kopenhagen werden auch Gewürzkräuter nicht fehlen.

Doch wird das die Obsthändler in Kopenhagen nicht erzürnen? "Ich war selbst professionelle Obstverkäuferin. Bisher kam von niemandem Kritik. Ich denke, die können auch davon profitieren, wenn Obst wieder zu einem selbstverständlicheren Teil im Stadtleben wird", sagt Astrid Aller. "Gerade Großstadtbewohner haben ja oft den Bezug zu Lebensmitteln und zur Frage, wie sie eigentlich zustande kommen, verloren. Wir hoffen, das ändert sich auch für die Stadtkinder", sagt sie.

Nur die Rechtsliberalen im Stadtrat waren zunächst gegen den Früchtevorstoß, ließen sich dann aber so wie die anderen Parteien überzeugen.

Bislang war Kopenhagen zurückhaltend beim Anpflanzen von Gewächsen, die Früchte oder Beeren tragen. Nicht zuletzt auf Spielplätzen, da Fallobst Wespen anzieht. Doch die Fachleute der Stadt glauben, dass die Vorteile für die Kleinen mit direkter Versorgung von vitaminhaltigem Obst und Beeren, die sie dann mit den Eltern pflücken können, größer sind als die Gefahr von Wespenstichen.

Und was ist mit Fallobst, das Fußgänger oder die vielen Kopenhagener Radfahrer zum Ausrutschen bringen könnte? Auch da glauben die Stadtväter nicht, dass es große Probleme geben wird. "Nur wenn Fallobst eine direkte Gefahr für den Verkehr darstellen könnte, wie etwa auf Fahrradwegen, wird es dort keine Birnen geben, die schnell matschig werden können", sagt Aller.

Die Skandinavier gelten als sehr rücksichtsvoll, wenn es darum geht, nicht übermäßig von dem zu nehmen, was umsonst und frei zugänglich ist. Man denkt daran, für andere was übrig zu lassen. Könnte dennoch eine Fruchtmafia entstehen, die nachts die Früchte und Beeren der Stadt erntet, um sie zu verkaufen? "Das kann ich mir nicht vorstellen. Das ist ganz einfach nicht lohnend genug. Alles ist ja sehr verstreut und nur in kleinen Mengen", sagt Aller. Zudem seien die Erntezeiten für unterschiedliche Sorten jeweils andere. "Und wenn mal eine Familie einen ganzen Beerenstrauch oder zwei abgepflückt, um Marmelade daheim daraus zu machen, ist das zu verkraften, denke ich."