Entwicklung der Kaufkraft

Ökonom Krämer befürchtet zweistellige Inflationsrate

Rolf Obertreis, dpa

Von Rolf Obertreis & dpa

Mi, 10. August 2022 um 17:54 Uhr

Wirtschaft

Wenn das Neun-Euro-Ticket ausläuft, der Tankrabatt endet und die Gasumlage kommt, könnte die Geldentwertung in Deutschland wieder kräftig zulegen.

Das Neun-Euro-Ticket, der Tankrabatt und auch die Abschaffung der Erneuerbare-Energien-Umlage auf den Strompreis Anfang Juli haben den Anstieg der Inflation nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Monat auf 7,5 Prozent im Vergleich zum Juli 2021 leicht abgebremst. Im Juni lag die Inflationsrate noch bei 7,6 Prozent, im Mai bei 7,9 Prozent.
An den Tankstellen verteuerten sich die Preise durch den Tankrabatt im Juli im Vergleich zum Juni um 5,4 Prozent. Im Juni hatte das Plus gegenüber Mai bei 8,3, im Mai im Vergleich zum April sogar bei 16,3 Prozent gelegen.

Weil das Neun-Euro-Ticket und auch die Senkung der Mineralölsteuer befristet sind und Ende August auslaufen, droht danach wieder eine höhere, möglicherweise sogar zweistellige Inflationsrate. Im August dürfte sie zwar bei etwa 7,5 Prozent verharren, glaubt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Fallen dann im September die beiden Ermäßigungen weg, werde es um mindestens einen Prozentpunkt nach oben gehen. Im Oktober komme dann die Gas-Umlage dazu.

"Bei fünf Cent würde sie (die Inflationsrate) wohl über der Marke von zehn Prozent liegen." Jörg Krämer
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erwartet eine Spanne zwischen 1,5 und fünf Cent je Kilowattstunde. "Fiele die Gasumlage mit 1,5 Cent niedrig aus, würde die Inflation im Oktober auf gut neun Prozent steigen", sagt Krämer. "Bei fünf Cent würde sie wohl über der Marke von zehn Prozent liegen."

Er warnt vor einem massiven Inflationsschub und damit auch vor einem höheren Risiko einer Rezession. "Im Extremfall werden das Ende des Neun-Euro-Tickets und des Tankrabatts, die Gaspreiserhöhungen sowie die Gasumlage die Inflationsrate etwa drei Prozentpunkte nach oben treiben", rechnet Krämer vor. Ähnlich beurteilen auch andere Volkswirte die Lage.

Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) müssen die Menschen allerdings heute vielfach weniger lang arbeiten als vor rund 30 Jahren, um dieselben Produkte und Dienstleistungen bezahlen zu können. Für eine Stunde Arbeit konnten sie sich im Juni 2022 im Durchschnitt demnach einen Kinobesuch, 500 Gramm Bohnenkaffee, eine Briefmarke für einen Standardbrief, ein Kilogramm Mischbrot und eine Flasche Bier leisten. 1991 mussten sie dafür noch sieben Minuten länger arbeiten.

"Seit der deutschen Einheit bis 2021 ist die Kaufkraft pro Lohnminute um 27 Prozent gestiegen" Christoph Schröder
Im Vergleich zu 2020 ist die Kaufkraft pro Lohnminute für diese Produkte insgesamt aber gesunken: Vor zwei Jahren mussten die Menschen dafür im Schnitt lediglich 56 Minuten arbeiten. "Seit der deutschen Einheit bis 2021 ist die Kaufkraft pro Lohnminute um 27 Prozent gestiegen", sagte Christoph Schröder vom IW. "Und jetzt haben wir natürlich schon Verluste durch die hohe Inflationsrate." Die Berechnungen des IW basieren auf den Preisentwicklungen für Produkte und Dienstleistungen sowie auf dem durchschnittlichen Nettoverdienst pro Stunde. "Bei den Lebensmitteln gibt es auch Sonderfaktoren, wenn es mal schlechte Ernten gab zum Beispiel", sagte Schröder. "Aktuell sehen wir da aber natürlich hohe Preisanstiege." Laut IW-Berechnungen mussten die Menschen beispielsweise für 2,5 Kilogramm Speisekartoffeln im Juni 2022 drei Minuten länger arbeiten als 1991. Erst nach 13 Minuten Arbeit waren die Kartoffeln verdient.