Ort auch für die Lebenden

Das Gespräch führte jens Kitzler

Von Das Gespräch führte jens Kitzler

So, 25. August 2019

Freiburg

Der Sonntag Martin Leser, Chef der Freiburger Friedhöfe, über den neuen Wert letzter Ruhestätten.

Friedhöfe sind seit Jahrhunderten die stillen, grünen Oasen der Städte. Doch was wird aus ihnen, wenn sich die Bestattungskultur ändert und der Flächendruck steigt? Martin Leser, Leiter des Eigenbetriebs Friedhöfe der Stadt Freiburg, will die Begräbnisstätten aufwerten – und am Dienstag darüber mit den Bürgern reden.

Der Sonntag: Herr Leser, auf welche Weise lassen sich die Freiburger derzeit beerdigen?

Das hat sich bundesweit massiv verändert. Noch vor zehn Jahren wählten Angehörige zu 70 Prozent die Erdbestattung und zu 30 Prozent die Urnenbestattung. Das hat sich umgekehrt.

Der Sonntag: Warum?

Das ist zum einen eine Frage des Preises. Ein großes Erdgrab zu pflegen, ist teurer als das halb so große Urnengrab. Und wenn Sie ein Baumfeld wählen – da ist nur noch eine Platte im Rasen – müssen Sie gar nichts mehr investieren. Sterben ist heute Gegenstand einer Kostenabwägung. Und dann sind die Angehörigen mobiler geworden. Da wohnen die Kinder in Hamburg und planen in Freiburg kein traditionelles Familiengrab mehr für mehrere Generationen, sondern beerdigen ihre Eltern in einem normalen Grab.

Der Sonntag: Was bedeuten diese Trends nun für Friedhofsbetreiber?

Die Friedhöfe leeren sich langsam. Wenn immer mehr Leute kleinere Gräber wählen, wird weniger Fläche verbraucht. Dadurch hat die Verwaltung natürlich weniger Einnahmen, zudem fällt an sie auch die Pflege für die die nicht mehr verpachteten Flächen zurück. Und das ist eine Herausforderung, denn die Pflege dieser zwei, drei Quadratmeter ist nicht einfach. Es sind ja keine zusammenhängenden Flächen, sie liegen verstreut wie fehlende Steine in einem Mosaik. Da muss man von Hand ran.

Der Sonntag: Wie reagiert ihre Friedhofsverwaltung nun auf die neuen Bedingungen?

Wichtig ist aus meiner Sicht eine Aufwertung der Friedhöfe. Um den Bürgern wieder bewusst zu machen, dass der Friedhof nicht nur ein Ablageort für verstorbene Menschen ist, sondern auch ein Ort für die Lebenden, die einen Platz für Trauer und Gedenken brauchen.

Der Sonntag: Wie machen Sie das?

Durch ein überschaubares Angebot kultureller Veranstaltungen auf dem Hauptfriedhof beispielsweise. Zudem wollen wir im Erdgeschoss des Torhauses ein Friedhofscafé einrichten. Dann gehört eine gut gepflegte Grünanlage dazu, und wir haben ein Auge darauf, dass Recht und Ordnung eingehalten werden. Das dient alles dazu, Besucher auf den Friedhof zu bekommen, die nicht zur Grabpflege kommen, sondern den Friedhof als besondere Grünanlage nutzen.

Der Sonntag: Aber warum meinen Sie denn die Friedhöfe stärker bewerben zu müssen?

Das Thema erfährt nicht die gesellschaftliche Wertschätzung, die es verdient hat. Wenn im Beteiligungshaushalt die Frage ansteht, wo man sparen soll, schieben die bis 30- oder 35-Jährigen bei den Friedhöfen den Regler nach unten, nach dem Motto "Das braucht man nicht". Die 50- oder 60-Jährigen lassen die Ausgaben, wie sie waren, und höchstens die noch Älteren denken genauer nach. Wenn wir die Friedhöfe aufwerten, halten wir sie in der Diskussion. Und die Freiburger lassen sich nicht irgendwo im Wald beerdigen oder im Elsass ausstreuen, sondern auf einem gut erreichbaren, attraktiven Friedhof begraben.

Der Sonntag: Wollen alle Bürger eine Öffnung der Friedhöfe? Manche werden sagen, ein Friedhof ist nicht der x-te Stadtpark, sondern ein Ort, der besonderer Ruhe bedarf.

Diese Sorgen gibt es natürlich auch. Aber faktisch ist der Friedhof eine große Grünanlage, der Hauptfriedhof ist 27 Hektar groß und damit nur drei Hektar kleiner als der Seepark. Friedhöfe sind große, grüne Lungen in der Stadt, die auch schon früher zum Spazierengehen genutzt wurden. In einer rücksichtsvollen, würdigen Art kann man das für die Zukunft fördern.

Der Sonntag: Glauben Sie, bei dem Flächendruck in Freiburg kämen sonst irgendwann erste Ansprüche, Teile der Friedhofsflächen für Wohnbebauung abzugeben?

Die Sorgen müsste man eher bei noch nicht belegten Friedhofsflächen haben. Doch die Stadt Freiburg hat seit den 80er Jahren keine Friedhofs-Bedarfsplanung mehr gemacht – aber die Bevölkerung ist seitdem um mindestens 60 000 Einwohner gewachsen, das ist bei den Friedhofsflächen nie berücksichtigt worden. Vauban, Rieselfeld, die neuen Stadtteile wurden alle von recht jungen Leuten besiedelt. Und die sterben alle irgendwann. Das Gespräch führte jens Kitzler
Wohin entwickeln sich Freiburgs Friedhöfe? mit Martin Leser, Leiter des Eigenbetriebs Friedhöfe, und Bürgermeister Stefan Breiter, Dienstag, 27. August, 18.30 Uhr in der Einsegnungshalle am Hauptfriedhof.